Diese Männer tragen den Sack aus gutem Grund zusammen. Er ist schwer und recht unhandlich. Er ist gefüllt mit Kamillenblüten und -Kraut. Dieses wuchs auf einem Acker, der respektvoll gepflegt und gejätet wurde und nicht der Einfachheit halber mit Agrargiften gedüngt und insektenfrei gemacht wurde. Die zarten Pflänzchen wurden mit Rosenscheren behutsam von Hand geschnitten. Nach der Destillation wird der Landwirt ätherisches Kamillenöl in seiner Destillationsblase vorfinden. Wie viel Öl wird es sein? Wie viele Aroma-Massagen werden nach Abfüllen in braune Glasfläschchen mit diesem Öl durchgeführt werden können, was meint ihr?
Archiv der Kategorie: Botanik
schweben auf adlers schwingen
Für die Kursteilnehmerinnen in Prag hatte ich drei unscheinbare Stückchen eines dunkel-gefleckten Holzes, vielleicht 20 Gramm schwer, im Gepäck. Da ich kurz vor der Reise Holzstückchen rund um unseren Kamin zusammen gekehrt hatte, musste ich schmunzeln: Diese Holzstückchen hätte jeder andere mit in den Feuerholz-Korb gegeben.
Dann wären jedoch viele zig Euro mit verbrannt. Vielleicht wäre nur ein eigenartiger Duft aus unserem geschlossenen Bollerofen entwichen. Denn es handelt sich um Adlerholz, Aquilaria malaccensis Lam. [früher: Aquilaria agallocha Roxb.], dessen beste Qualitäten einen höheren Grammpreis als Gold erzielen (aktueller Goldpreis: 43,65 Euro pro Gramm). Das ätherische Öl ist nur bei gut sortierten Firmen erhältlich, inzwischen meistens verdünnt. Das daumennagelgroße Fläschchen hat mich vor Jahren bereits ein kleines Vermögen (circa 70 Euro) gekostet!
Dieses auch unter dem geheimnisvoll klingenden Namen Oud bekannte ätherische Öl ist sicherlich auch der ungewöhnlichste Duft, den wir für die Aromatherapie zur Verfügung haben. Gleichzeitig ist es eines der teuersten ätherischen Öle der Welt: 1 ml kostet je nach Firma 70 Euro und mehr. In der Bibel wird diese Pflanze unter oft unter dem Namen Aloeholz oder Aloth (Agarwood) als Kostbarkeit erwähnt.
Der begehrte Duftstoff kann nur gewonnen werden, wenn dieser bis zu 40 Meter hohe Tropenbaum aus der Familie der Seidelbastgewächse (Thymelaeaceae) von bestimmten Pilzarten (u. a. Aspergillus niger) befallen wird und wenn anschließend über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte entsprechende Abwehr- und/oder Heilungs-Reaktionen im Holz stattfinden, die zur Absonderung dieses schweren rauchig-erdigen Duftstoffes führen. Spezialisierte Duftstoffjäger dringen immer tiefer in die Regenwälder Vietnams, Kambodschas, Koreas oder von Laos ein, um infizierte Bäume zu finden. Dabei werden auch (noch) nicht-infizierte Bäume zerstört, da man den Befall nicht unbedingt von außen sieht.
Da das heiß begehrte Agarwood sowohl für die Herstellung von hochwertigem japanischen Räucherwerk unentbehrlich ist als auch – bis zur Erfindung des pharmazeutischen Produktes – als hoch wirksames pflanzliches „Viagra“ galt, muss Aquilaria malaccensis und auch etliche andere Aquilaria-Arten als fast ausgerottet eingestuft werden. Ausführliche Informationen dazu (in englisch) von Cropwatch (klick!) vom britischen Nachhaltigkeitsspezialisten Tony Burfield.
Wenige ätherische Öle berühren Menschen so tief wie dieser Duft. Er hat so viele Facetten wie Inhaltsstoffe, die meisten davon im Einprozent-Bereich oder gar weniger. Die Beschreibungen reichen von verbrannt, modrig, erdig über pudrig, balsamisch, warm-einhüllend. Ich habe ihn in meinem zweiten Buch “Das Zugang-zur-Tiefe-der-Seele-Öl” genannt. Man kann genau so in die Tiefen seiner Seele abtauchen wie auch zu Höhenflügen ansetzen – wie ein Adler. Überblick und Durchblick durch Abstand. Ich erlebte es einmal und fand es erschütternd wie eine meiner frühen Kursteilnehmerinnen in der Sekunde des ersten Schnupperns an diesem Duft in Tränen ausbrach. Nach einer Räucherung mit “Eaglewood” passieren in Träumen oft seltsame oder wenigstens auffällige Dinge. Euphorie und Hochgefühle (Fliegen wie ein Adler) ergreifen manche Menschen, je nachdem, in welchem Seelenzustand sie sich gerade befinden.In Japan, dem recht westlich orientierten Land im fernen Osten, hat die Räucher-Zeremonie des Duft-Lauschens noch einen hohen Stellenwert: Kodo. Sie ist ohne Adlerholzduft nicht denkbar. Die abgebildeten Räucherstäbchen japanischen Traditionsmanufaktur Shoyeido duften deutlich nach Oud und laden zur Achtsamkeit und Sparsamkeit ein: Das Päckchen hat mich mal fast 60 DM gekostet! Aber sie sind es wert, man benötigt ohnehin nur wenige Zentimeter für einen wundervollen Duft im Zimmer.
Wer englisch lesen kann, sollte sich auf folgenden zwei Websites die Artikel über die Hintergründe der Gewinnung von Adlerholz lesen: Trygve Harris, ein Fachfrau für erlesene ätherische Öle aus New York berichtet über eine Reise in die Adlerholz-Wälder und zeigt auch sehr informative Fotos (und hier geht es um die Gefährdung des Baumes). Düfte-Experte und Indienreisender Christopher McMahon vermittelt auf seiner sehr informationsreichen Website auch wichtige Infos über Oud.
die wissenschaftlerin, die den ölen beim duften zuschaut
Seit vielen Jahren zeigte ich in meinen Kursen einige der wundervollen Makrofotos des Wissenschaftler-Teams Katerina und Tomas Svoboda.
Die tschechischen Forscher aus Schottland konnten Ende der neunziger Jahre mit Hilfe einer damals ganz neuartigen und aufwändigen Aufnahmemethode und mit anschließenden Einfärbungen winzigste Zellstrukturen von Duftpflanzen fotografisch festhalten. Fantastische Gebilde von etwas gruseligen Höhlen, zackigen Irrgärten, eigenartigen Mondlandschaften und übernatürlichen Jahrmärkten sind entstanden. Ich hatte durch Vermittlung meiner lieben Kollegin Soham in Köln die Erlaubnis, diese Fotos in meinen/unseren Kursen zu zeigen. Nun habe ich in Prag diese Erlaubnis höchstpersönlich bestätigt bekommen, denn Frau Svoboda war Überraschungsgast auf der Konferenz der Tschechischen Aromatherapie Vereinigung. Sie wurde extra für mich ‘eingeflogen’ (sie wohnt inzwischen wieder in der Heimat), damit ich – als die von weit her gereiste Vortragende dieses Wochenendes, sie endlich mal persönlich kennen lernen konnte.
In einer Berufswelt, in der fast nur Frauen praktizieren, jedoch fast nur Männer forschen, konnte sie sich einen Namen machen durch die Untersuchung der biologischen Aktivitäten und Eigenschaften von Ätherisch-Öl-Pflanzen. Wer englisch kann, sollte sich diese ihre kostenlos zugängliche Zusammenfassung hier runterladen und mal sorgfältig durcharbeiten. Ich habe mir in Prag endlich ihren kleinen Bildatlas Secretory Structures of Aromatic and Medicinal Plants aus dem Jahr 2000 geleistet, er hat mal 40 Euro gekostet und ist nun allenfalls noch antiquarisch zu Horrorpreisen erhältlich (oder bei einem kleinen Verlag in der Tschechischen Republik, ich könnte ggfs. vermitteln).
Ich würde nun gerne ein Spiel mit euch, meinen lieben LeserInnen und Lesern, machen. Denn ich habe beim Anblick dieser Fotos immer lustige Assoziationen und einige stelle ich mir klasse als Ölgemälde, also irgendwie künstlerisch verarbeitet, vor. Lasst mal das Denken beiseite und achtet darauf, was euch als erste Assoziation in den Sinn kommt. Schreibt also bitte zu einem oder zu allen Bildern jeweils einen Begriff, Satz oder Vers, ich schreibe erst einmal Buchstaben in die Bildunterschrift und löse dann demnächst auf, um welche Duftpflanze bzw. ihren Ätherisch-Öl-Behältern es sich handelt (sie gehören allesamt zu den wichtigen Öle-Lieferanten). Ich würde gerne wissen, ob vielleicht eure rechtshirnhälftigen Empfindungen zu den Attributen des jeweiligen Duftes passen. Ich bin gespannt!
Ich freue mich über zahlreiche Zuschriften und ich denke auch die anderen LeserInnen werde sich über eine rege Teilnahme freuen. [Fotos der Pflanzenstrukturen: © Katerina & Tomas Svoboda & Andrew Syred; Fotos von Katerina Svoboda: © Iva Tauchmanova]
So sieht übrigens das ganze Foto mit der Wissenschaftlerin aus, sie sollte per I-Phone-Foto ins Adressverzeichnis einer Kursteilnehmerin kommen, fühlte sich so unbehaglich und die Bilder wurden etwas steif. Dann sollte ich mit auf’s Foto und schon hat es geklappt. Darum schaue ich wie nach fünf Gläsern Wein aus, obwohl ich mir beim geselligen Beisammensitzen den Genuss der edlen tschechischen Tropfen gänzlich verkniffen hatte.
PS Das Kommentarefeld befindet sich im grauen Kästchen rechts neben der Überschrift. Einfach anklicken! Wegen des Interesses: Ich habe 800 CZK (Kronen) bezahlt, das sind fast 40 Euro. Viele der knapp 30 weiteren “Porträts” sind nicht so aufregend wie diese schönen Fotos, das Büchlein ist eher klein (eher wie ein Geo-Heft).
provence-lavendel in akuter gefahr
Nach dem 1. Aromatherapie-in-der-Psychiatrie-Kongress in Basel, vor ziemlich genau zwei Jahren, fasste ich den Bericht (klick!) von Jean-Claude Richard (Farfalla) zusammen, dass in der Provence die Lavendelproduktion am kollabieren sei, dass eine Krankheit das “blaue Wunder” bedrohe, dass Lavendelöl sich stark verteuern werde.
Kürzlich wurde die erschreckende Verschlechterung dieser (noch lokal wütenden) ökologischen Katastrophe in einem sehr guten Artikel in der Zeitung Die Welt (klick!) zusammengefasst. Die blau-lilafarbenen Felder des beliebten Lippenblütengewächses werden durch eine bakterielle Krankheit bedroht, welche durch winzig kleine Zikaden übertragen wird (Stolbur-Phytoplasma). Durch die Attacke der Mikroben bilden die Pflanzen nur kleine Blüten und verdörren. Das trockene Wetter der letzten Jahre verstärkte das Aufkommen der Krankheit, die im Jahr 2000 erstmals auftrat. Vielerorts mussten deshalb gesamte Bestände vernichtet werden. Danach kann jedoch nicht neu gepflanzt werden, vielmehr müssen 5 Jahre vergehen, bevor an eine Rekultivierung des Bodens mit Lavendel zu denken ist. Man rechnet mit einer weiteren Verschlimmerung der Situation, der Preis für echtes Lavendelöl ist bereits um 30 Prozent angestiegen, Tendenz steigend. Man kann keine Insektizide versprühen, da diese die bestäubenden Bienen töten würden, diese wiederum sorgten bislang für weiteres Einkommen in der kargen Region, sie produzierten reichlich des bekannten Lavendelhonigs.
Zwischen 2005 und 2010 sind auf diese Weise 50 Prozent der Anbauflächen verschwunden, 2005 wurden noch 85 Tonnen ätherisches Öl produziert, inzwischen sind es unter 30 Tonnen. Bulgarien rüstet indessen auf und produzierte im vergangenen Jahr 45 Tonnen Lavendelöl, die Ukraine und China erreichen inzwischen bereits 15 Tonnen pro Jahr.
Leider muss man befürchten, dass dies wieder eine Lektion in Sachen “gierige Plantagen-Landwirtschaft” ist. Diese extrem art-ungerechte Art der Pflanzenkultivierung erfordert reichlichen Einsatz durch Chemikalien zum Wachsen und zum Abwehren von Beikräutern sowie von unerwünschten “Viechern”, sie schwächt die Pflanzen, fördert Resistenzen auf vielerlei Art, welche dann zu verstärkten Bemühungen mit Pestiziden führen können. Irgendwann “freut sich der Dritte”: Irgendein Mikroorganismus nutzt die Immunlücke bei den Gewächsen und labt sich daran. Die grenzenlose Gier, der Erde immer mehr als möglich abzupressen, fordert ihren Tribut.
Vielleicht sollten wir in milden Gegenden Mitteleuropas Kooperativen gründen und lokalen Lavendel destillieren, er wächst vielerorts so schön, ich habe auf der derzeitigen Reise ganz viel wunderschönen Lavendel gesehen, er wird meistens gar nicht geerntet. In Österreich gibt es jedenfalls bereits ein solches Projekt, das Projekt Berglavendel. Und vielleicht sollten wir uns angesichts dieser traurigen Lektion besinnen, auch unsere Nahrungsmittel nicht von billig produzierenden Plantagengiganten zu kaufen, sondern kleine regionale Lebensmittelerzeuger zu unterstützen. Denn BIO ist einfach LOGISCH, so tut es der Erde gut, so tut es uns gut, so tut es den Tieren und Insekten gut. Der Mensch kann ohne Lavendelöl leben, doch ohne Obst und Gemüse wird er nicht weit kommen.
Tausend Dank übrigens an all die lieben und wohlwollenden LeserInnen, die meinen letzten Blogeintrag zum 20-Jahre-Schuljubiläum so nett gewürdigt haben! Auch ansonsten stille Mitleserinnen haben sich ein Herz genommen und etwas geschrieben, das ist des Bloggers Ansporn, genau so noch besser weiter zu machen!
karottensamenöl bei hautproblemen
Gerade erst habe ich den blühenden wilden Möhren einen Blogtext gewidmet und schon neigt sich deren Saison dem Ende zu. So möchte ich euch das Feuerwerk der wirklich hübschen Blumen nicht vorenthalten, denn nun sieht man wirklich, woraus das ätherische Öl destilliert wird.
Es wird aus den putzigen “stacheligen” winzigen Samen hergestellt. Sie schmecken eigenartig erdig, dill-ähnlich mit einer Spur Eukalyptusgeschmack.
Nachdem sich alle Schirmchen der Blüte zur Mitte hin gewendet haben, sie bilden nun ein schützendes Nest (für was eigentlich???)
Und nachdem jeder einzelne Same braun-knusprig-trocken geworden ist. Irgendwie wirken sie wie ein Haufen winziger Insekten, Schildläuse vielleicht.
Ob das Öl gegen Krabbeltierchen wirksam sein könnte? Die chemische Zusammensetzung, reichlich Sesquiterpenverbindungen, spricht dafür. Ich habe es jedoch noch nie so eingesetzt. Jedoch wirkt es gegen Hauterscheinungen, schuppige, eben “stachelige” Haut; Haut die Schutz benötigt, die von Wind, Kälte, Sorgen, Stress angreifbar geworden ist. Die ihre Aufgabe als “Spiegel der Seele” zu ernst nimmt und bei jeder kleinsten Aufregung “aufblüht”. Und so kaum mehr das schützen kann, was darunter liegt. Weil man die schützende Schicht ständig aufkratzen möchte. In diesem ganzen Bereich ist Karottensamenöl fast unschlagbar.
PS Im neuen Blog von Christine Lamontain geht es um Integrale Osmologie, sie stellte kürzlich auch die spitzenartigen Blüten der Wilden Möhre vor: Das Olfaktorische Duftgespräch.
A rather rare essential oil is distilled from the tiny seeds of the wild carrot (Daucus carota). It has an excellent action against sore and itchy skin, it is ideally suited for skin which needs protection – like the flower which builds up a kind of a nest over the summer.
tausend und ein öl
Vom 19. Mai bis 25. September wird sich der Besuch des wundervollen Frankfurter Palmengartens besonders lohnen, denn es wird eine Ausstellung über Öle zu sehen sein. Die Broschüre dazu sagt: Die Vielfalt der aus Pflanzen gewonnenen Öle ist groß. Ob aus heimischen oder exotischen Pflanzen hergestellt, ob goldgelb, grün oder orangerot gefärbt: Pflanzen-Öle sind Bestandteil unseres täglichen Lebens. Sie dienen der Ernährung, verfeinern Speisen, heilen, pflegen oder sind in der Technik einsetzbar. Wichtige Öl und Fett liefernde Pflanzen werden vorgestellt. Pflanzen mit ätherischen Ölen, die meist einen angenehmen Duft verbreiten, werden ebenfalls in der Ausstellung gezeigt. Des Weiteren erfahren Sie Spannendes über pflanzliche Wachse, ihre biologische Bedeutung und Nutzungsmöglichkeiten.
Vom 10. bis zum 13. Juni wird außerdem im voll blühenden Rosengarten ein Lichterfest stattfinden. Das Programm für Mai ist hier runterzuladen. [Danke an Iris für diese Information!] Der Botanische Garten mit seinem recht neuen hervorragend gestalteten Arzneipflanzen-Garten ist gleich nebenan, der Eintritt ist frei, im Palmengarten ist er kostenpflichtig, man sollte dafür ohnehin mindestens einen halben Tag einplanen, so vielseitig und groß ist er.
Wer schon mal im Rhein-Main-Gebiet ist, sollte auch unbedingt im einzigartigen Rosenmuseum in Bad Nauheim-Steinfurth reinschauen und am 18. und 19. Juni die Festlichkeiten der Steinfurther Rosentage genießen. Um die Ecke kann man Bioland-Rosen bewundern und kaufen und viele Kurse (Rosen vermehren, Rosen malen, Rosen filzen, Rosen-Yoga etc) rund um die Rose besuchen: bei der ganz besonderen Rosenschule Ruf. Am 2.6. findet dort sogar ein Rosen-Kochkurs statt. Der riesige Münchener Botanische Garten veranstaltet seine 19. Rosenschau vom 1. bis zum 4. Juli.das Motto: Von Weiß bis Rot. Es wird auch einen passenden Markt dazu geben. (Abbildung oben: Palmengarten Frankfurt)
holzöle aus atlaszeder und ihren “verwandten”
Dieser Tage lief mir beim vormittäglichen Aufräumen eine beträchtliche Menge eines fast 10 Jahre alten Zedernholzöles über die rechte Hand. Meine angebrochene 500ml-Flasche war nicht richtig verschlossen, ich hatte das Öl einst in riesigen Mengen in die Haus-Isolierung aus echter Schafwolle gesprüht. Ich wischte und schmierte und wusch, doch der schwere Duft hatte sich sofort in sämtlichen Hautporen “verewigt”. Im Laufe des Nachmittags wurde ich ungemein bleischwer müde… das war wohl die Wirkung dieses “erdenden” ätherischen Öles.
Beim Lehren und Abfragen von botanischem Grundwissen stolpern wir DozentInnen immer wieder mal über Verwirrungen bezüglich der Familienzugehörigkeit diverser Zedern (und der dazugehörigen “Zedern”öle). Zudem gibt es manchmal Verwirrung, denn wenn wir von Nadelölen sprechen, meinen wir meistens die Kieferngewächse als Sammelbegriff. Das wunderbar holzig-balsamische ätherische Öl aus der Atlaszeder, die auch zu den Kieferngewächsen/Pinaceae gehört, ist jedoch fast immer ein Holzöl, denn es wird aus den zerkleinerten Holzstückchen aus Stämmen und Ästen destilliert. Wie bei allen Holzölen besteht bei der Gewinnung die Gefahr der Ausrottung der jeweiligen Spezies bzw. des unnachhaltigen Umgangs mit der Natur. Die südfranzösische Atlaszeder gehört bereits zu den bedrohten Arten, wie Tony Burfield in Cropwatch beschreibt.
Ich finde, es ist eine zweifelhafte Art der Gewissensberuhigung, wenn man nun auf nordafrikanische Zedern zurückgreift und munter weiter verschwendet. Ähnlich verhält es sich mit Rosenholzöl und Sandelholzöl, in beiden Fällen wird meistens der Baum gefällt/abgetötet. Im Fall von Sandelholz muss der Baum sogar extrem sorgfältig “gehoben” werden (früher mit der Hilfe von Elefanten), da sich das wertvolle ätherische Öl auch in den Wurzeln befindet. Wenn man nun als vermeintlicher Umweltschützer reichlich Rosenholzöl statt aus Aniba rosaeodora aus anderen, ähnlich duftenden Amazonasbäumen wie Ocotea verwendet und statt im “Echten Sandelholzöl” nun in Amyrisöl oder kaledonisch-australischen Sandelholzölen schwelgt, sollte man an die nächsten Generationen denken. So gierig wie die heutige Industrie und Wirtschaft agiert, ist denkbar, dass auch diese “alternativen” Ressourchen bald ausgeschöpft sind.
Ich meine, dass man nicht unbedingt gänzlich auf die knappen Öle verzichten muss, wenn man sie aus verantwortungsvoll handelnder Quelle erhalten kann. Rosenholzöl kann sowohl einigermaßen baumschonend aus dicken Ästen, als auch (in nicht ganz so wundervoll duftender Qualität) aus den Blättern des Amazonas-Riesen gewonnen werden, zudem vermutlich auch in kleinen Mengen aus Abfällen der Möbelindustrie (eine brasilianische Expertin vor Ort zweifelt diese Aussage jedoch an). Auf Atlaszedernöl kann man in der anspruchsvollen Therapiearbeit fast nicht verzichten, man sollte es jedoch sparsam einsetzen, der schwere Duft verlangt ohnehin eine hohe Verdünnung. Ich verzichte inzwischen fast gänzlich auf Sandelholzöl, verwende es nur für ganz ausgewählte Beschwerden und/oder Menschen. Gleiches sollte für den “Ersatz” aus Neu-Kaledonien und Australien gelten.
Nun zum Lernen. Folgende ätherische Öle werden aus dem Holz der jeweiligen Pflanze destilliert (es gibt ganz selten auch Nadelöle aus Cedrus und den nordamerikanischen Juniperus-Arten):
- Adlerholz (oder Oud oder Ut), Aquilaria malacchensis oder A. agallocha
- Amyris, Amyris balsamifera
- Atlaszeder, Cedrus atlantica
- Blaue Zypresse, Callitris intratropica
- Dacrydium/Harzeibe, Dacrydium pierrei
- Himalajazeder, Cedrus deodara (Foto links)
- Libanonzeder, Cedrus libani (extrem selten, extrem gefährdet)
- Linaloe, Bursera delpechiana (geleg. auch Öl aus Früchten)
- Mexikozeder, Juniperus mexicana
- Muschelzypresse/Hinoki, Chamaecyparis obtusa
- Rosenholz Brasilien, Aniba rosaeodora var. amazonica (Foto rechts: Sigrun Scherneck)
- Rosenholz Peru, Ocotea caudata, O. cernua
- Sandelholz, Santalum album
- Virginiazeder, Juniperus virginiana (Bleistift-Zeder, keine Zeder!)
- Palo Santo, Bursera graveolens (Foto ganz oben)
Weitere Sandelholzöle:
- Eucarya spicatum, Fusanus spicatus (Australisches Sandelholz)
- Osyris tenuifolia (Ostafrikanisches Sandelholz)
- Pterocarpus santolinus (Roter Sandelbaum)
- Santalum austrocaledonicum (‘Sandelholz Südsee’, aus Neukaledonien und Vanuatu)
- Santalum spicatum (Westaustralisches Sandelholz)
- Santalum yassi (Fidschi Sandelholz)
Viel Verwirrung herrschte in den späten siebziger und frühen achtziger Jahren über “Zedernöle”, Zedernöl wird in Büchern aus dieser Zeit meistens als giftig oder zumindest gefährlich bezeichnet. Das lag daran, dass im englischen Sprachgebrauch erstens viele Nadelbäume umgangsprachlich als ‘Cedar’ bezeichnet werden (ähnlich wie wir fälschlicherweise Tannenzapfen zu Kiefernzapfen sagen). Ganz speziell die Thuja, ein Zypressengewächs, wird ‘Red cedar’ genannt (fast alle Anti-Motten-Holzstückchen und auch gut haltbare Gartengegenstände werden daraus gefertigt). Ätherisches Thujaöl wird meistens aus den aromatisch-apfelartig duftenden Zweigen dieser großen Bäume destilliert und enthält einen sehr hohen Anteil an neurotoxisch wirksamen Thujon.
Anders die meisten der oben genannten Holzöle, die jeweils interessante Mischungen aus unterschiedlichen Sesquiterpenverbindungen enthalten. Sie wirken dadurch alle mehr oder weniger entzündungshemmend und regulierend auf das Immunsystem. Zudem stark stabilisierend auf chronische Zustände und wie eingangs berichtet, beruhigend, erdend, zentrierend. Auch wirken die meisten Holzöle insektenabweisend, so dass sie – bereits in kleinen Mengen – eine wertvolle Ergänzung für sommerliche Abwehrmischungen sind.
Auf der Duftreise zu den Botanik-Kursen hier in Irland führen unsere Exkursionen zu einigen ganz besonderen Exemplaren von Dacrydium-Bäumen, zu Callitrisbäumen, zu einem uralten Bonsai einer Muschelzypresse und zur oben abgebildeten Himalayazeder (begleitet von den jeweiligen Öle-Fläschchen).
PS. Es gibt ein “neues Rosenholzöl” von Tisserand, das aus den Samen eines nepalesischen Strauches namens Zanthoxylum armatum gewonnen wird.
sensationelle duftpflanzen-lektüre
Wenn wir schon mal bei absoluter Fachlektüre sind, der “Große Dicke” von Daniel Rühlemanns Kräutergärtnerei sucht auch seinesgleichen: In keinem mir bekannten Buch findet man soviel Information über Aussehen, Geschmack, Anwendung und Anbau von auch den allerseltensten Heil- und Duftkräutern. Wer eine bessere Internetleitung als wir hat, kann das wundervoll illustrierte Mammutwerk sogar kostenlos runterladen. Fast alle vorgestellten Pflanzen können nach der Frostperiode bestellt werden, auch Samen bekommt man in reicher Auswahl. Schon das Stöbern im Online-Shop macht ungeheuer viel Spaß. Und wer dann eine Pachoulipflanze, Vetiver, Myrrhe, Zitronenmyrte, Granatapfel und zig Basilikumsorten sein eigen nennen darf, kommt dem Wesen und den Anforderungen von Duft- und Heilpflanzen ein gutes Stück näher, auch wenn nur ein Balkon oder gar Fensterbrett zur Verfügung steht. Wer in der Nähe von Bremen wohnt (hallo D.K.!!!) muss unbedingt mal hinfahren, es werden auch spannende Seminare angeboten. Im Blog der Rühlemanns kann man viel Lesenswertes aus dem Alltag in der Gärtnerei erfahren und auch immer wieder kleine nützliche Videos anschauen. Einer der letzten Beiträge zeigt 20 Lavendelarten, ein Fotomosaik aus wirklich sehr unterschiedlich aussehenden Pflanzen, die uns mit unserem wichtigsten Öl versorgen.
Shirley Price beim Farfalla-Kongress in Zürich
Der Schweizer Duftspezialist und Naturkosmetikhersteller Farfalla wird am 2. und 3. Oktober sein 25-jähriges Firmenbestehen mit einem Aroma-Kongress im Botanischen Garten in Zürich feiern. Dieser Tag bietet eine sehr seltene Gelegenheit, die über achtzigjährige Shirley Price zu erleben, die in Süd-Frankreich lebt.
Neben Robert Tisserand und Patricia Davis ist sie eine der Pionierinnen der britischen Aromatherapie und zusammen mit ihrem Mann Len Autorin des weltbesten Fachbuches zum Thema Klinische Aromatherapie. Ein anderer Top-Redner wird Prof. Hanns Hatt sein, den man als Aroma-Profi unbedingt ab und zu hören muss. S
eine neuen Erkenntnisse zu molekularen Mechanismen der Duftmoleküle trägt er immer kurzweilig und wunderbar humorvoll vor. Eine Kostprobe gibt es auf seinem Hörbuch-Vortrag “Dem Rätsel des Riechens auf der Spur” (39 Euro).
Florianne Koechlin, Schweizer Biologin und Chemikerin, eine der weiteren hochspannenden Rednerinnen, hat zwei bemerkenswerte Bücher über die neuesten, überraschenden und unglaublich faszinierende Kommunikation zwischen und innerhalb von Pflanzen verfasst: PflanzenPalaver und Zellgeflüster.
Der Kongress findet Samstag, 2. Oktober 2010 mit Vorträgen zum Themenbereich ,Von der Analytik über Bio-Projekte zum Duftphänomen‘ und Sonntag, 3. Oktober 2010 mit Vorträgen ,Vom Pflanzengeflüster zur unternehmerischen Verantwortung‘ im Botanischen Garten Zürich statt. Infos und Anmeldung bei Farfalla. Ich werde übrigens als Gast anwesend sein.
agrumenöle
Der neue Kurs in Wien hat ein stilvoll-historisches Zuhause: die Boku in Wien (Universität für Bodenkultur).
Schon das Betreten des altehrwürdigen Gebäudes macht Freude.
Über den Linnéplatz blick man auf Wien. Der schwedische Gelehrte Carl von Linné hat einem Großteil der Heil- und Duftpflanzen aus Europa den zweiteiligen botanischen Namen verliehen. Ihre Bedeutung wird im Kurs gelernt.
Nachem wir uns stundenlang mit tanzenden Duftmolekülen beschäftigten, ging es raus nach Schloss Schönbrunn zur 10. Wiener Citrusausstellung. Wir schauten uns nach soviel Theorie die praktische Umsetzung dieses Moleküls an: Das ist Limonen, der Haupt-Inhaltsstoff der meisten Zitrusschalenöle. Er wurde von diversen Wissenschaftlern erfolgreich als Widerssacher von Krebstumoren durchgetestet.
Erinnern solche Schalen nicht an Gewebewucherungen, Beulen und Tumore? Zeigt uns die Natur den Weg, wie wir bestimmte Pflanzen besonders sinnvoll einsetzen können?
Natürlich, Zitronenöl gehört in Mischungen gegen Cellulite!
Das straffend und “entschlackend” wirksame Zitronenöl hilft auch bei pickeliger und unreiner Haut sowie erweiterten Poren.
Hier kann man schön erkennen, warum Petit Grain-Öl diesen seltsamen Namen erhalten hat: grain heißt Körner, wie Pfefferkörner, petit heißt klein. Die unfertigen stark duftenden Früchtchen, welche der Bitterorangenbaum Citrus aurantium abwirft, sehen aus wie unreife Pfefferkörner. Sie werden zusammen mit den Blättern zu diesem extrem psychisch aufhellend wirksamen herb duftenden Öl destilliert.














