ätherische öle als sehr heilungskräftige vielstoffgemische


Die Vielfalt der unterschiedlichsten Inhaltsstoffe jedes einzelnen ätherischen Öles machen die oft so erstaunliche Heilkraft der Aromatherapie (und Aromapflege) aus. Monosubstanzen, also vom Menschen erschaffene Moleküle, haben oft nicht die gleiche Power wie natürliche Vielstoffgemische, auch wenn letztere immer wieder von Wissenschaftlern und ÄrztInnen verpönt werden (honi soit qui mal y pense – ein Schelm wer Böses dabei denkt). Ein Wissenschaftler, der immer wieder die Besonderheiten der Vielstoffgemische betont (und untersucht hat), ist Prof. Jürgen Reichling, der darüber auf der Botanica2012 sprach (ich schrieb hier (klick!) kurz über seine Erkenntnisse). Eliane Zimmermann AiDA Schule für AromatherapieAuf der diesjährigen Botanica-Konferenz sprach der italienische klinische Phytotherapeut Marco Valussi sehr schnell, sehr ausführlich und mega-eindrucksvoll über dieses spannende Thema. In den letzten Jahren gab es – unbemerkt von den meisten von uns Aroma-EnthusiastInnen – einiges an neuen Erkenntnissen über die Rolle von ätherischen Ölen in der Pflanzen- und Tierwelt. Da es der erste Vortrag am Sonntag war, hatte ich kurz überlegt zu schwänzen, doch ich bin so froh, dass ich mich rechtzeitig auf den Weg gemacht habe! Zunächst beschäftigte er sich mit der Frage, warum Pflanzen überhaupt flüchtige sekundäre Metaboliten, zu denen sowohl die duftenden Monoterpen-Verbindungen und auch die Phenole gehören, produzieren. Er stellte drei gängige Theorien vor und auch deren Schwachstellen.

  • Es kann sein, dass diese duftenden Moleküle rein zufällig entstanden sind.
  • Theorie 1: Im evolutionären Wettlauf mussten Pflanzen Waffen bilden, um sich gegen Fraßfeinde zu wehren (CAR-modell). Einzelne stark wirksame Moleküle werden dafür benötigt. Terpenoide werden von Pflanzen auch gebildet, weil sie den Ablauf der Photosynthese schützen müssen.
  • Theorie 2: Die ‚Screening Hypothesis‘ (Filter-These) wurde erst 2003 aufgestellt, sie postuliert, dass die Evolution Organismen überleben lässt, welche ihre chemische Vielfalt mit möglichst niedrigem Aufwand produzieren und erhalten können. Möglichst viele – eher schwach wirksame – Moleküle werden von der Pflanze gebildet und ihre Synergie (ihr Zusammenspiel) helfen beim Überleben.
  • Theorie 3: Die dritte Theorie befasst sich mit den ‚Matrix metabolic pathways‘, sie ist noch recht neu und scheint Elemente der beiden anderen Theorien zu beinhalten (als Nicht-Biologin war es wirklich schwierig, dieses Feuerwerk von faszinierenden Einblicken in die Molekular-Biologie zu sortieren!). Schwache und starke Moleküle können je nach Bedarf zusammen arbeiten.

Marco Valussi betonte, dass die so genannte ’network pharmacology‘, also die vernetzten und gemeinsam agierenden unterschiedlichen Moleküle sehr gut von uns Menschen verarbeitet und genutzt werden können. Also eher schwach wirksame Pflanzenmoleküle können stärker wirksame Moleküle aktivieren. Darum können Vielstoffgemische effektiver wirken als Monosubstanzen, auch weil sie unterschiedliche ‚targets‘, also Wirkstoff-Ziele, in der Zelle ansteuern. Marco Valussi illustrierte dieses Thema anhand der verschiedenen Inhaltsstoffe von Thymianöl: p-Cymen (ein Monoterpen, es ist oft nur in geringen Spuren in ätherischen Ölen enthalten) kann die Zellemembranen von beispielsweise Bakterien sozusagen aufblasen, sie werden weniger stabil, durchlässiger. Dann kommt Carvacrol (ein phenolisches Monoterpen, das als pflanzliches Antibiotikum gilt) zum Zug: Es kann nun leicht in die unstabile Zellmembran eindringen und seine „Killerwirkung“ leicht und effizient ausführen. Eliane Zimmermann AiDA Schule für AromatherapieGeraniol (ein Monoterpenol, der in etlichen ätherischen Ölen vorkommt, auch in kleinen Mengen in Thymianölen), stört Pumpmechanismen in Zellmembranen und kann auch zur Störung oder Zerstörung der Bakterien beitragen – in Zusammenarbeit mit stärkeren Molekülen (auch in Zusammenarbeit mit Antibiotika; übrigens ein schöner Beleg für die inzwischen 12 Jahre alte Arbeit der (damals) Jugend-forscht-Schülerin Ute Runkel, klick!). Marco Valussi fasste zusammen, dass die ganz stark antibiotischen Inhaltsstoffe in ätherischen Ölen aufgrund ihres Molekülaufbaus die (feindliche) Zellmembran nicht sehr gut durch durchdringen können. Dagegen können die nicht so stark antibiotisch wirksamen Inhaltsstoffe in ätherischen Ölen aufgrund ihres ganz anderen Molekülaufbaus die [feindliche] Zellmembran viel leichter durchdringen und den „starken Kollegen“ sozusagen den Weg ebnen. Die phenolischen Verbindungen (in Thymian, Oregano, Bohnenkraut, Zimtrinde, Zimtblätter, Tulsi, Gewürznelke etc) brauchen also ihre „schwächeren Mitspieler“ wie Linalool, Geraniol und p-Cymen, um wirklich aktiv sein zu können und unsere Gesundheit wirksam schützen zu können. (Es gab wundervolle Grafiken zu diesen Mechanismen, doch die möchte ich aus Copyright-Gründen hier nicht zeigen, ich habe oben stehende Grafik anhand meiner Skizzen angefertigt.) Diese Theorie der Netzwerk-Pharmakologie ist laut Marco Valussi sehr stark, auch wenn sie immer noch mehr Fragen aufwirft als Antworten gibt. Er schloss seinen immens dichten Vortrag mit der Anmerkung, dass das Reduzieren der Aktivität einer Pflanze auf ein einziges Molekül schlechte Wissenschaft sei (beispielsweise „Pfefferminzeöl wirkt gegen Kopfschmerzen, weil [nur] Menthol kühlend und schmerzlindernd wirkt“, „Eukalyptusöl wirkt bei Erkältungen, weil [nur] Eucalyptol schleimlösend und entzündungshemmend wirkt“, „Kamillenöl wirkt [nur] entzündungshemmend, weil Azulen enthalten ist“ – das ist von mir etwas übertrieben formuliert, doch so ähnlich möchte die derzeitige Wissenschaft ihre Studienergebnisse begründet wissen. Darum haben es die Vielstoff-Substanzen-Forscher nicht immer leicht.)

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6 Kommentare zu “ätherische öle als sehr heilungskräftige vielstoffgemische

  1. Sehr schön geschrieben – erklärt und unterstützt meine osmopraktische Arbeit von vielen Jahrzehnten. KEINER kann ohne den anderen – Isolate können nicht das bewirken, wass ein GANZES vermag – ich hoffe, dass dies bald alle verstehen!

  2. Bin gerade ganz hin und weg von diesem Beitrag. Darüber sollte mal ein Buch geschrieben werden. Ich wollte schon immer wissen wie die Öle mit welchen Mechanismen im Körper wirken. Dass die Öle als Vielstoffgemische Vorteile gegenüber den Monopräparaten (obwohl sie das ja durch die Beimischungen für die Darreichungsformen als Tablette mit Zusatzstoffen oder Zäpfchen oder Tropfen oder… ja auch eigentlich nicht sind) haben war uns ja schon immer bewußt. Aber wie laufen die Prozesse im Körper als Zusammespiel wiklich ab das ist noch ein Geheimnis das nur ansatzweise gelüftet ist. Weisst Du, ob es von Jürgen Reichling schon Veröffentlichungen am Markt gibt? Es ist wirklich ein Jammer, das wir in unserer Medizin nur das Ursache-Wirkungs-Prinzip kennen und komplexe Modelle nicht wirklich berücksichtigt werden. Vielen Dank nochmal für diesen Querschnitt der Veranstaltung. Ich glaub im nächsten Jahr muss ich mir den Termin unbedingt einplanen.
    Ganz liebe Grüße
    Gabi

  3. es ist wunderbar und schön und toll und „aufregend“ was uns die modernere aroma-wissenschaft endlich eröffnet….! danke liebe eliane, dass du alle die vielen minuten zeit nimmst und dies alles aufzuschreiben…..! ..ich komme erst jetzt zum lesen dieser botanic-beiträge…- und: wenn dies nun möglich ist…..deutlich aufzuzeigen…wie sich welche inhaltsstoffe..an den „feindlichen“ zellmembranen profilieren…..und wenn man nun sogar schon über „bakterienschwärme“ ;-)…und deren verhalten etwas weiß…- dann wünsch ich mir noch mehr als zuvor.., dass doch auch für andere zellphysiologische themen….möglich wäre….?? wie zum beispiel….zur antihistaminischen wirkung von ätherischen ölen…in den heute weit verbreiteten….lebensmittel“unverträglichkeits“-themen….oder endlich auch mal mehr neurpsychatrische abteilungen die „seitenblicke“ wagen…..anstatt fast „harte“ drogen an kinder und jugendliche zu verschreiben….oder „hoffnungslose“ fälle (sei es erwachsene oder kinder..)…“dauerzutherapieren….“….- es gäbe sicherlich soooviel sinnvolles potentail in vielen bereichen….!! das, was es bisher gibt….ist meines erachtens einfach zuuwenig……- multiprofessionelle/interdisziplinäre teams…sind ja….immer mehr im „kommen“……wäre doch mal etwas neues?! – denn wenn man mithilfe der wissenschaftlichen forschung „sichtbar“ im labor nachweisen kann….., was unter umständen auch an den zellmembranen unserer gehirnneuronen passiert…nach und vor „provokationen“…mit und ohne ÄÖ-Behandlungen…..udn man alles bisherigen erkenntnisse zusammennimmt….- uui…, es wäre fast wie „alic im duftenden wonderland..“..oder nicht..? höchste zeit… ..viele zeilen…, danke 😉 ! liebe grüße, marta

  4. Pingback: Blätterrauschen 9 | Beautyjagd

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