fingerzuckungen beim anblick von jinkoh


Eliane Zimmermann AiDA Schule für AromatherapieIch zeige in meinen Kursen gerne mal einen olfaktorischen Schatz, nämlich Adlerholzstückchen im Wert von einigen hundert Euro im deutschsprachigen Raum kostet Durchschnittsware zwischen 10 und 20 Euro pro Gramm, das kostbare Holz in mindestens sechs Qualitätsstufen kann mehr als Gold kosten). Was es mit dem kostbaren Adlerholz, in Japan Jinkoh genannt, auf sich hat, habe ich hier (klick!) erzählt. Normalerweise hat man mit Stückchen zu tun, die maximal so groß wie eine Cent-Münze sind, ich besitze durch lustige Umstände wesentlich größere Brocken, doch heute sah ich zwei fast menschenhohe und dicke Baumstücke aus Vietnam, die mir schier den Atem verschlagen haben.

Eliane Zimmermann AiDA Schule für AromatherapieIch war ohnehin bereits im Schnapp-Atmungs-Modus, da der heute besuchte Haupt-Laden samt Manufaktur der weltberühmten Räucherwarenfirma Shoyeido (gesprochen Scho-Edo) in Kyoto ungeheuerlich schön nach feinsten Räucher-Rohstoffen duftet. Doch ich durfte die unendlich teuren Riesen-Hölzer nicht fotografieren, schmerz…. Mich hat’s sowas von in den Fingern gejuckt!!!! Diese Firma ist jedenfalls so bekannt, dass 2010 sogar ein Glücksbringer von ihnen mit ins All fliegen durfte. Ich benutze die raucharmen und holzstöckchenfreien Räucherstäbchen bereits seit circa 20 Jahren, manchmal täglich. Ich durfte zum Glück bei der Herstellung knipsen, so lasse ich euch ein wenig an dieser aufwändigen Prozedur teilnehmen.

Eliane Zimmermann AiDA Schule für Aromatherapie

Eine Art überdimensionale Rühr- und Pressmaschine bereitet den Teig aus pulverisiertem Adlerholz, Sandelholz, Zimt, Gewürznelken, Borneo-Kampfer (Dryobalanops aromatica), Benzoe, Patchouli, Sternanis, Weihrauch und vielen mehr Kostbarkeiten, meistens sind über 20 unterschiedliche  Gewürz-Zutaten enthalten. Dazu kommt je nach Qualität Lebensmittelfarbe oder ungiftige Farbstoffe und pulverisiertes Tabu-Holz (Betonung auf der ersten Silbe, ein avocado-ähnlicher bis zu 30 Meter hoher Baum aus der Lorbeerfamilie, auch Makko genannt, Machilus thunbergii), das zum „Klebstoff“ wird, wenn der  Teig mit Wasser angerührt wird. Dieser wird dann per Hand in eine Art Spaghetti-Presse gehoben (oben eingefüllt) und je nach Sorte entstehen mehr oder weniger dicke Spaghettis.

Eliane Zimmermann AiDA Schule für AromatherapieDann werden diese sehr weichen „Nudeln“ kunstvoll auf eine Platte gehoben, jedes Luftbläschen wird entfernt, sie werden auf exakte Längen geschnitten, auf Brettern aus Wellpappe gestapelt, im klimatisierten Raum (20 bis 25 Grad, kontrollierte Feuchtigkeit bis zu 60%, hinter den Scheiben) getrocknet und immer wieder zusammengeschoben, damit sie schön gerade bleiben.

Eliane Zimmermann AiDA Schule für AromatherapieNach einigen Tagen werden sie gewogen, mit Banderolen zusammengehalten und je nach Qualität in einfache oder sehr edle Verpackungen gepackt. Heute wanderten die ganz edlen Stäbchen (über 50 Euro pro 37-Stück-Packung!) in ihre schicken und doppelten Schächtelchen.

Eliane Zimmermann AiDA Schule für AromatherapieDer Räucherwarenschneide-Meister arbeitet seit 12 Jahren in diesem Beruf und macht seitdem nichts anderes als vor allem Sandelholz- und Adlerholz-Stückchen zu zerteilen und nach Größen sortiert zu verteilen (in den Tüten links von ihm). Die Präzision, die Hingabe und die Konzentration, mit denen er seine ungewöhnliche Tätigkeit ausübt, haben mich sehr bewegt. Jedes Stückchen wird von ihm angefasst und manchmal sozusagen geschnitzt, damit es schön gleichmäßig wird. Die Späne und das Pulver, die anfallen, werden selbstverständlich sorgfältig zusammen gekehrt und aufgefangen, um zu Räucherstäbchen verarbeitet zu werden.

Eliane Zimmermann AiDA Schule für AromatherapieIch habe mir eine 400-Stäbchen-Packung meines Allzeit-Lieblings-Räucherstäbchenduftes Kyo-nishiki (klick!) genehmigt und freue mich riesig, so ein Duft-Souvenir mitnehmen zu dürfen. (Andere Leute rauchen für teures Geld und verpesten sich die Lungen sowie die Blugefäße, ich verräucherte bereits viele Euros mit diesem wunderbaren ruhig stimmenden, leicht süßlichen – jedoch sehr unaufdringlichen Duft – der das Herbstlaub in Kyoto symbolisiert; mich erinnert er an einen zarten Vanille-Kipferl-Backstuben-Duft). Jetzt wo ich in dieser faszinierenden Stadt war, wird mir der Duft noch besser gefallen. Mein zweitmeist verwendeter Duft von Shoyeido ist Amethyst, diesen erhalten die Japaner jedoch nicht, er wird nur für den Export hergestellt.

Eine gute Auswahl der erschwinglicheren Räucherstäbchen von Shoyeido gibts zum Europreis bei Farfalla, Adlerholzstückchen zum Räuchern bekommt man bei Labdanum (klick!).

Morgen früh geht’s früh gen Flughafen und dann darf ich wieder die ewige Reise heim antreten (vielleicht treffe ich das verschollene Malaysia-Flugzeug unterwegs… 😦 ). Meiner großartigen und so immens geduldigen Übersetzerin und Dolmetscherin Chifumi möchte ich an dieser Stelle ganz, ganz herzlichen Dank schicken. Ich staunte nun viele Tage als Alice Eliane im Wunderland und bin beeindruckt von der Vielfalt, der Sauberkeit, der Freundlichkeit und vor allem dem respektvollen Umgang deines Volkes. Das was ich in der Kürze an Natur sehen konnte war wunderschön, die wundervollen Tempel- und Palast-Gärten fand ich noch schöner als erwartet. Die Begegnungen, die Menschen, die Zeremonien und nicht zuletzt der abwechslungsreiche Ablauf dieser kompakten Wunderland-Tour waren wundervoll. ARIGATOU!

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schweben auf adlers schwingen


psychoaromatherapie bei eliane zimmermannFür die Kursteilnehmerinnen in Prag hatte ich drei unscheinbare Stückchen eines dunkel-gefleckten Holzes, vielleicht 20 Gramm schwer, im Gepäck. Da ich kurz vor der Reise Holzstückchen rund um unseren Kamin zusammen gekehrt hatte, musste ich schmunzeln: Diese Holzstückchen hätte jeder andere mit in den Feuerholz-Korb gegeben.
Dann wären jedoch viele zig Euro mit verbrannt. Vielleicht wäre nur ein eigenartiger Duft aus unserem geschlossenen Bollerofen entwichen. Denn es handelt sich um Adlerholz, Aquilaria malaccensis Lam. [früher: Aquilaria agallocha Roxb.], dessen beste Qualitäten einen höheren Grammpreis als Gold erzielen (aktueller Goldpreis: 43,65 Euro pro Gramm). Das ätherische Öl ist nur bei gut sortierten Firmen erhältlich, inzwischen meistens verdünnt. Das daumennagelgroße Fläschchen hat mich vor Jahren bereits ein kleines Vermögen (circa 70 Euro) gekostet!
Dieses auch unter dem geheimnisvoll klingenden Namen Oud bekannte ätherische Öl ist sicherlich auch der ungewöhnlichste Duft, den wir für die Aromatherapie zur Verfügung haben. Gleichzeitig ist es eines der teuersten ätherischen Öle der Welt: 1 ml kostet je nach Firma 70 Euro und mehr. In der Bibel wird diese Pflanze unter oft unter dem Namen Aloeholz oder Aloth (Agarwood) als Kostbarkeit erwähnt.
Der begehrte Duftstoff kann nur gewonnen werden, wenn dieser bis zu 40 Meter hohe Tropenbaum aus der Familie der Seidelbastgewächse (Thymelaeaceae) von bestimmten Pilzarten (u. a. Aspergillus niger) befallen wird und wenn anschließend über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte entsprechende Abwehr- und/oder Heilungs-Reaktionen im Holz stattfinden, die zur Absonderung dieses schweren rauchig-erdigen Duftstoffes führen. Spezialisierte Duftstoffjäger dringen immer tiefer in die Regenwälder Vietnams, Kambodschas, Koreas oder von Laos ein, um infizierte Bäume zu finden. Dabei werden auch (noch) nicht-infizierte Bäume zerstört, da man den Befall nicht unbedingt von außen sieht.
Da das heiß begehrte Agarwood sowohl für die Herstellung von hochwertigem japanischen Räucherwerk unentbehrlich ist als auch – bis zur Erfindung des pharmazeutischen Produktes – als hoch wirksames pflanzliches „Viagra“ galt, muss Aquilaria malaccensis und auch etliche andere Aquilaria-Arten als fast ausgerottet eingestuft werden. Ausführliche Informationen dazu (in englisch) von Cropwatch (klick!) vom britischen Nachhaltigkeitsspezialisten Tony Burfield.

Die Aufzucht der Bäume in Plantagen (klick!) und die Infektion durch Menschenhand haben noch nicht zu befriedigendem Ersatz geführt, der Faktor Zeit kann eben nicht beschleunigt werden. Zudem kann man die Bäume nicht „einfach so“ mit dem Pilz „impfen“, nur 10 Prozent der Bäume erzeugen diese harzartige Substanz. Das „Impfen“ kann man auf diesem nicht sehr guten Filmchen sehen.
Aus den Holzstückchen von infizierten und gereiften Bäumen wird mit Wasser eine Maische gebildet und diese dann – oft vor Ort mitten im Wald – destilliert.
psycho-aromatherapie-kurse bei eliane zimmermannWenige ätherische Öle berühren Menschen so tief wie dieser Duft. Er hat so viele Facetten wie Inhaltsstoffe, die meisten davon im Einprozent-Bereich oder gar weniger. Die Beschreibungen reichen von verbrannt, modrig, erdig über pudrig, balsamisch, warm-einhüllend. Ich habe ihn in meinem zweiten Buch „Das Zugang-zur-Tiefe-der-Seele-Öl“ genannt. Man kann genau so in die Tiefen seiner Seele abtauchen wie auch zu Höhenflügen ansetzen – wie ein Adler. Überblick und Durchblick durch Abstand. Ich erlebte es einmal und fand es erschütternd wie eine meiner frühen Kursteilnehmerinnen in der Sekunde des ersten Schnupperns an diesem Duft in Tränen ausbrach. Nach einer Räucherung mit „Eaglewood“ passieren in Träumen oft seltsame oder wenigstens auffällige Dinge. Euphorie und Hochgefühle (Fliegen wie ein Adler) ergreifen manche Menschen, je nachdem, in welchem Seelenzustand sie sich gerade befinden.
Schon auf Grund des hohen Preises ist Adlerholz kein Alltagsöl, es wird wohl auch kaum für die körperlichen Indikationen wie Krampfadern und Hämorrhoiden eingesetzt werden. Es schenkt einem vielmehr eine kleine Auszeit aus dem Alltagstrott, es führt in einen Besinnungsmoment auf das Wesentliche und kann als Verwöhnöl für sich oder seine(n) Liebste(n) das sprichwörtliche Hohe Lied der Liebe olfaktorisch untermalen. Dafür verdünnt man es maximal 0,5-prozentig und mischt es mit feinen Lieblingsölen wie Champaca, Jasmin oder Vanille in Jojobaöl. Oder ganz biblisch mit Myrrhe, Weihrauch und Rose sowie jeweils einer Spur Kalmuswurzel und Cassiazimt. Eine solch biblisch inspirierte Mischung kann man in Deutschland als Körperöl oder auch pur für die Räucherlampe bei Professor Wabner’s Ätherische-Öle-Firma Wadi erwerben. Bei Feeling gibt es das erschwingliche Oud-Attar (klick!) mit oder ohne Jojobaöl (ab 9,50 Euro, Attar bedeutet, dass das Öl gegen Ende des Destillationsvorgangs in bereit gestelltem Sandelholzöl aufgefangen und gebunden wird, eine wunderschöne samtige Kombination entsteht, sie ist nicht so erschlagend-schwer wie das reine Adlerholzöl).
In Japan, dem recht westlich orientierten Land im fernen Osten, hat die Räucher-Zeremonie des Duft-Lauschens noch einen hohen Stellenwert: Kodo. Sie ist ohne Adlerholzduft nicht denkbar. Die abgebildeten Räucherstäbchen japanischen Traditionsmanufaktur Shoyeido duften deutlich nach Oud und laden zur Achtsamkeit und Sparsamkeit ein: Das Päckchen hat mich mal fast 60 DM gekostet! Aber sie sind es wert, man benötigt ohnehin nur wenige Zentimeter für einen wundervollen Duft im Zimmer.
Wer englisch lesen kann, sollte sich auf folgenden zwei Websites die Artikel über die Hintergründe der Gewinnung von Adlerholz lesen: Trygve Harris, ein Fachfrau für erlesene ätherische Öle aus New York berichtet über eine Reise in die Adlerholz-Wälder und zeigt auch sehr informative Fotos (und hier geht es um die Gefährdung des Baumes). Düfte-Experte und Indienreisender Christopher McMahon vermittelt auf seiner sehr informationsreichen Website auch wichtige Infos über Oud.
PS. Kenner werden mir Recht geben, dass die japanische Traditionsfirma Shoyeido exzellente Räucherstäbchen liefert, eigentlich müsste man ein neues Wort für diese edle Räucherware erfinden, denn sie hat rein gar nicht mit den weithin erhältlichen chemikalienbeladenen Riechglimmstengeln zu tun. Zum Ausprobieren und Genießen des edlen Oud-Duftes gibt es bei mir 5 oder 10 Minuten feinsten Rauch von Shoyeido’s „Emerald-Awareness“ (Smaragd-Bewusstheit), er duftet waldig-moosig-würzig-herb. Meistens ist mir jedoch der Duft zu schwer, meine Luxus-Belohungs-Stäbchen, die bislang wirklich fast jedem Besucher sehr, sehr gefallen haben, duften pudrig-süß, minimal vanillig-zimtig, warm-würzig, sie heißen „Amethyst-Balance“ (beide Röllchen kosten je circa 7 Euro inklusive eine kleinen Stäbchenhalters). Es gibt auch ein Probierset für 3,50 Euro, in dem noch drei weitere Düfte enthalten sind (Diamant, Rubin und Saphir). Ähnlich lecker-zart-süßlich duftet auch Kyonishiki, das Herbstlaub in Kyoto, die Rolle kostet ’nur‘ circa 3,50 Euro, sie eignen sich hervorragend für die tägliche Prise von Duftwölkchen.

Die Welt ist Duft, ohne Duft kein Leben



Wie auch immer unsere Prägungen in frühester Kindheit verlaufen, sind wir doch – auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind – duftgesteuerte Wesen, deren Existenz ohne eine Duftspur erst gar nicht möglich wäre. Diese Spur des Duftens und Riechens führt ganz an den Beginn der Entstehung neuen Lebens zurück, dort, wo Eizelle und Spermien sich finden. Erst vor wenigen Jahren wurde an der Ruhruniversität Bochum entdeckt, dass nur mit Hilfe eines maiglöckchen-artigen Duftes (Bourgeonal), den die reife weibliche Keimzelle aussendet, die mit Riechzellen ausgestatten männlichen Samenzellen den Weg zum Ziel finden. Die Befruchtung kann nur stattfinden, weil Duften und Riechen sie ermöglichen. Entwickelt sich dann nach geglückter Vereinigung ein Embryo, beginnt er bereits zwischen dem 42. und 52. Lebenstag zu riechen. Und das, was er dann im Laufe der kommenden wohlig-warmen Monate in der Geborgenheit des Fruchtwassers zu schnuppern bekommt, wird seine olfaktorischen Vorlieben beeinflussen. So hat man beispielsweise nachgewiesen, dass Neugeborene, deren Mütter in der Schwangerschaft viel Knoblauch gegessen haben, ihr Köpfchen in Richtung eines Knoblauchduftes bewegen, wenn man ihnen eine Auswahl von unterschiedlichen Düften präsentiert. Die winzigen Duftpartikel des Gewürzes können also bis ins Fruchtwasser gelangen.
Möglicherweise sorgt die Natur auf diese Weise bereits für eine vorgeburtliche Bindung, denn man kann in ähnlichen Versuchen auch zeigen, dass der kleine Mensch in der Lage ist, seine Mutter am ihrem natürlichen Körpergeruch zu erkennen.
Düfte begleiten uns also buchstäblich ab der ersten Lebenssekunde. Vielleicht macht diese Ur-Vertrautheit ihre Faszination aus, vielleicht versetzen uns manche Gerüche in den Mutterleib zurück, ohne dass uns dies bewusst wird. Möglicherweise imitieren wir bei der Benutzung von Parfüms und Kosmetik naturgegebene Bindungs-Mechanismen.
An zahlreichen Experimenten mit Tieren wurde bereits bewiesen, dass ihre Partnerwahl mit Hilfe des Körperduftes erfolgt, der wiederum genetisch gesteuert vom Immunsystem festgelegt wird. Nagetiere erschnüffeln sich sozusagen einen Sexual-Partner mit möglichst diametral entgegen gesetzter genetischer Ausstattung, so dass die Nachkommen besser an die Umwelt angepasst sind als die Vorfahren. Untersuchungen mit Menschen zeigten bislang zwar voneinander abweichende Ergebnisse, jedoch deutet vieles darauf hin, dass beispielsweise Frauen, die die empfängnisverhütende „Pille“ nehmen, oft den „falschen“ Partner wählen. In einem Versuch in der Schweiz mit Trennungs-Paaren stellte sich heraus, dass die Nasen der Frauen nach Absetzen der Pille den eigentlichen Geruch ihres Partners wahrnehmen konnten (und plötzlich nicht mehr leiden konnten). Es gibt unterschiedliche Experimente, die zeigen, wie Frauen auf bestimmte männliche Düfte (an getragenen T-Shirts) reagieren.
Auch die Tatsache, dass der Mensch über auffallend viele Gene verfügt, die ihn mit differenzierten Riechfähigkeiten ausstatten, lässt Wissenschaftler vermuten, dass der Geruchssinn keineswegs ein antiquierter oder gar verlorener Sinn ist. Mit etwas Übung kann ein Mensch tausende von Düften bewusst unterscheiden lernen. Einen interessanten 9-Minuten-Film (in englisch) über den Riechsinn kann man hier anschauen.
Jedoch auch auf der unbewussten Ebene lassen wir uns mehr an der Nase herum führen als uns lieb ist. Das zeigen steigende Verkaufszahlen bei Firmen, die Räume und Gegenstände zwecks besserem Konsumverhalten der Kunden beduften.
Die meisten Menschen assoziieren auch heute noch Wohlgeruch mit Gesundheit, Spiritualität und Religion, Gestank hingegen warnt vor Krankheit, Tod und Teufel. Das uralte Ritual des Räucherns benutzten unsere Vorfahren, um eine Verbindung „nach oben“ mit Gott oder den Göttern herzustellen: Wohlriechender Rauch, der in die unendlichen Weiten des fernen Äthers aufsteigt, war Jahrtausende lang die einzige Möglichkeit, den Himmel buchstäblich zu berühren, um den Gottheiten ein Geschenk oder ein Opfer zu überbringen. Sowohl das ätherische Öl erinnert an dieses uralte Bedürfnis als auch das alltägliche Wort Parfüm: per fumum (lateinisch) bedeutet „durch den Rauch“ oder „mit Hilfe des Rauches“. Die Verwendung von Duftstoffen fiel also einst in den Bereich des Sakralen, sie war in einigen Kulturen nur den Priestern und Mächtigen vorbehalten. Auch heute noch findet in der katholischen Kirche Re-Ligion (Wieder-Verbindung) mit Hilfe von unterschiedlichen Räucherungen statt, die je nach Zeremonie und Rezeptur sogar leicht bewusstseinsverändernde Wirkungen haben können. Denn Olibanum (Boswellia sacra), der gebräuchlichste Weihrauch, kann Spuren von THC (Tetra-hydro-cannabinol) enthalten, das auch im Haschisch enthalten ist.
Altmodisch anmutende Wörter wie Lavendel- und Wacholderspiritus, die von Begriffen wie Geist, Atem und auch atmen (lateinisch: spirare) abgeleitet sind, erinnern daran, dass diese flüchtigen Substanzen durch Destillieren der (Duft-)Pflanzen gewonnen wurden, die sozusagen die Duftstoffe ausatmen, um den Geist des Menschen zu beleben.
Wenn man sich also mit Düften beschäftigt, be-greift man allmählich, dass wir Duft-Wesen sind, in-spirierte Kreaturen sozusagen, von „Geist“ belebt und durchdrungen. Und wir können ahnen, dass einem Menschen, der an Anosmie leidet, also nicht mehr riechen kann, sehr viel mehr verloren geht als nur das tägliche Parüm. Dass Anosmie in vielen Fällen sogar depressiv machen kann. Mehr über den Riechsinn und über das faszinierende Vomeronasalorgan in der Nase (fast) jedes Menschen hier. [Auszüge aus „Aromatherapie – Die Heilkraft ätherischer Pflanzenöle„]

Schweben auf des Adlers Schwingen


Heute kam ein „Care-Paket“ aus Deutschland, wunderbare Naturkosmetik, ohne die ich nicht gerne auskommen möchte. In einer wunderschönen Rosenserviette lag dazu ein Geschenk an mich. Drei unscheinbare Stückchen eines dunkel-gefleckten Holzes, vielleicht 20 Gramm schwer. Da ich gerade am Vorabend Sägemehl und Holzstückchen von der Baustelle unserer Veranda zusammen gekehrt hatte, musste ich schmunzeln: Diese Holzstückchen hätte jeder andere mit in den Feuerholz-Korb gegeben.
Dann wären jedoch viele zig Euro mit verbrannt. Vielleicht wäre nur ein eigenartiger Duft aus unserem geschlossenen Bollerofen entwichen. Denn es handelt sich um Adlerholz, Aquilaria malaccensis Lam. [früher: Aquilaria agallocha Roxb.], dessen beste Qualitäten einen höheren Grammpreis als Gold erzielen. Das ätherische Öl ist nur bei gut sortierten Firmen erhältlich, inzwischen meistens verdünnt. Das daumennagelgroße Fläschchen hat mich vor Jahren bereits ein kleines Vermögen gekostet!
Dieses auch unter dem geheimnisvoll klingenden Namen Oud bekannte ätherische Öl ist sicherlich auch der ungewöhnlichste Duft, den wir für die Aromatherapie zur Verfügung haben. Gleichzeitig ist es eines der teuersten ätherischen Öle der Welt: 1 ml kostet je nach Firma 70 Euro und mehr. In der Bibel wird diese Pflanze unter oft unter dem Namen Aloeholz oder Aloth (Agarwood) als Kostbarkeit erwähnt.
Der begehrte Duftstoff kann nur gewonnen werden, wenn dieser bis zu 40 Meter hohe Tropenbaum aus der Familie der Seidelbastgewächse (Thymelaeaceae) von einem Pilz (u. a. Aspergillus niger) befallen wird und wenn anschließend über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte entsprechende Abwehr- und/oder Heilungs-Reaktionen im Holz stattfinden, die zur Absonderung dieses schweren rauchig-erdigen Duftstoffes führen. Spezialisierte Duftstoffjäger dringen immer tiefer in die Regenwälder Vietnams, Kambodschas, Koreas oder von Laos ein, um infizierte Bäume zu finden. Dabei werden auch (noch) nicht-infizierte Bäume zerstört, da man den Befall nicht unbedingt von außen sieht.
Da das heiß begehrte Agarwood sowohl für die Herstellung von hochwertigem japanischen Räucherwerk unentbehrlich ist als auch – bis zur Erfindung des pharmazeutischen Produktes – als hoch wirksames pflanzliches „Viagra“ galt, muss Aquilaria malaccensis und auch etliche andere Aquilaria-Arten als fast ausgerottet eingestuft werden. Ausführliche Informationen dazu (in englisch) vom britischen Nachhaltigkeitsspezialisten Tony Burfield von Cropwatch.
Aufzucht der Bäume in Plantagen und die Infektion durch Menschenhand haben noch nicht zu befriedigendem Ersatz geführt, der Faktor Zeit kann eben nicht beschleunigt werden. Zudem kann man die Bäume nicht „einfach so“ mit dem Pilz „impfen“, nur 10 Prozent der Bäume erzeugen diese harzartige Substanz.
Aus den Holzstückchen von infizierten und gereiften Bäumen wird mit Wasser eine Maische gebildet und diese dann – oft vor Ort mitten im Wald – destilliert.
Wenige ätherische Öle berühren Menschen so tief wie dieser Duft. Er hat so viele Facetten wie Inhaltsstoffe, die meisten davon im Einprozent-Bereich oder gar weniger. Die Beschreibungen reichen von verbrannt, modrig, erdig über pudrig, balsamisch, warm-einhüllend. Ich habe ihn in meinem zweiten Buch „Das Zugang-zur-Tiefe-der-Seele-Öl“ genannt. Eine meiner Kursteilnehmerinnen brach in der Sekunde des ersten Schnupperns an diesem Duft in Tränen aus. Nach einer Räucherung mit „Eaglewood“ passieren in Träumen oft seltsame oder wenigstens auffällige Dinge. Euphorie und Hochgefühle (Fliegen wie ein Adler) ergreifen manche Menschen, je nachdem, in welchem Seelenzustand sie sich gerade befinden.
Schon auf Grund des hohen Preises ist Adlerholz kein Alltagsöl, es wird wohl auch kaum für die körperlichen Indikationen wie Krampfadern und Hämorrhoiden eingesetzt werden. Es schenkt einem vielmehr eine kleine Auszeit aus dem Alltagstrott, es führt in einen Besinnungsmoment auf das Wesentliche und kann als Verwöhnöl für sich oder seine(n) Liebste(n) das sprichwörtliche Hohe Lied der Liebe olfaktorisch untermalen. Dafür verdünnt man es maximal 0,5-prozentig und mischt es mit feinen Lieblingsölen wie Champaca, Jasmin oder Vanille in Jojobaöl. Oder ganz biblisch mit Myrrhe, Weihrauch und Rose sowie jeweils einer Spur Kalmuswurzel und Cassiazimt. Eine solch biblisch inspirierte Mischung kann man in Deutschland als Körperöl oder auch pur für die Räucherlampe bei Professor Wabner’s Ätherische-Öle-Firma Wadi erwerben.
In Japan, dem eigentlich recht westlich orientierten Land, spielt die Räucher-Zeremonie des Duft-Lauschens noch einen hohen Stellenwert: Kodo. Sie ist ohne Adlerholzduft nicht denkbar. Die abgebildeten Räucherstäbchen der Firma japanischen Traditionsmanufaktur Shoyeido duften deutlich nach Oud und laden zur Achtsamkeit und Sparsamkeit ein: Das Päckchen hat mich mal fast 60 DM gekostet! Aber sie sind es wert, man benötigt ohnehin nur wenige Zentimeter für einen wundervollen Duft im Zimmer.
Wer englisch lesen kann, sollte sich auf folgenden zwei Websites die Artikel über die Hintergründe der Gewinnung von Adlerholz lesen: Trygve Harris, ein Fachfrau für erlesene ätherische Öle aus New York berichtet über eine Reise in die Adlerholz-Wälder und zeigt auch sehr informative Fotos. Der Duftexperte und Indien-Reisende Christopher McMahon beschreibt auf seiner sehr informativen Website den Duft und alles Drumherum auch ausführlich.
„Narde und Safran, Kalmus und Zimt, mit allerlei Bäumen des Weihrauchs, Myrrhen und Aloe mit allen besten Würzen.“ Hohelied 4:14