schärfemolekül bremst wachstum von brustkrebszellen


RUB;  RiechforschungEinige Tage vor Weihnachten veröffentlichte ein Team um den sicher vielen meiner LeserInnen bekannten Professor Hanns Hatt der Ruhr-Universität Bochum folgende spannende Pressemeldung:

„Der Geschmacksstoff Capsaicin macht Peperoni scharf. Ein feuriges Geschmackserlebnis ist aber längst nicht die einzige Wirkung, die er auf den Körper haben kann. Capsaicin, ein Inhaltsstoff von scharfen Substanzen wie Peperoni oder Pfeffer, hemmt das Wachstum von Brustkrebszellen. Das berichtet ein Team um den Bochumer Duftforscher Prof. Dr. Dr. Dr. habil. Hanns Hatt und Dr. Lea Weber nach Experimenten an kultivierten Zellen. In der Zeitschrift „Breast Cancer – Targets and Therapy“ stellen die Wissenschaftler der Ruhr-Universität Bochum ihre Ergebnisse vor, gemeinsam mit Kollegen der Augusta-Kliniken Bochum, des Herz-Jesu-Krankenhauses Dernbach sowie dem Kölner Zentrum für Genomik.

Die Versuche erfolgten mit der Zelllinie SUM149PT, die ein Modellsystem für eine besonders aggressive Brustkrebsform ist, den Triple-negative-Typ. Für diese Krebsart ist die Chemotherapie derzeit die einzige mögliche Behandlung.

Besonders häufiger Rezeptor

In den kultivierten Zellen fand das Team eine Reihe klassischer Riechrezeptoren. Besonders häufig vertreten war aber vor allem ein Rezeptor, der sonst im fünften Hirnnerv, dem Nervus trigeminus, vorkommt. Er gehört zu den sogenannten Transient-Receptor-Potential-Kanälen und trägt den Namen TRPV1. Neben dem Schärfemolekül Capsaicin aktiviert auch Helional – ein Duft nach frischer Meeresbrise – diesen Rezeptor.

In Kooperation mit Privatdozentin Dr. Gabriele Bonatz vom Brustzentrum der Augusta-Kliniken Bochum bestätigte Hatts Team die Existenz von TRPV1 in Tumorzellen in neun verschiedenen Burstkrebsproben.

Krebszellen sterben ab

Die Forscher aktivierten den TRPV1-Rezeptor in Zellkultur mit Capsaicin oder Helional, indem sie die Stoffe für mehrere Stunden oder Tage zu der Kultur hinzugaben. Dadurch vermehrten sich die Krebszellen langsamer. Außerdem starben durch die Behandlung verstärkt Tumorzellen ab. Die überlebenden Zellen waren zudem nicht mehr in der Lage, sich so schnell zu bewegen wie zuvor; das lässt darauf schließen, dass sie im Körper schlechter Metastasen bilden könnten.

„Wenn wir den TRPV1-Rezeptor gezielt durch Medikamente anschalten könnten, könnte sich ein neuer Ansatz für die Behandlung dieser Krebsform ergeben“, sagt Hanns Hatt. Eine Aufnahme über die Nahrung oder durch Einatmen reicht dazu nicht aus.

Wirksam in Mäusen

Die Chemikalie Arvanil – chemisch ähnlich zum Schärfemolekül Capsaicin – hatte sich in früheren Studien anderer Gruppen bereits als wirksam gegen Hirntumoren bei Mäusen erwiesen; sie reduzierte das Tumorwachstum in den Tieren. Aufgrund zu starker Nebenwirkungen ist diese Substanz aber nicht für Menschen zugelassen. Neben Capsaicin und Helional aktivieren auch die körpereigenen Endovanilloide den TRPV1-Rezeptor.“

Die komplette Veröffentlichung: Lea V. Weber, Klaudia Al-Refae, Gerhard Wölk, Gabriele Bonatz, Janine Altmüller, Christian Becker, Günter Gisselmann, Hanns Hatt: Expression and functionality of TRPV1 in breast cancer cells, in: Breast Cancer – Targets and Therapy, 2016. © des Fotos: Ruhr-Universität Bochum

PS. Es kann noch zwei Tage an der Verlosung der drei kostbaren Roll-on’s der Firma Tazeka mitgemacht werden, zum Teilnehmen kann der ansprechendste Name der Roll-on’s  als Kommentar zum Verlosungstext (klick!) aufgeschrieben werden.

ätherische öle zur raucherentwöhnung


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Pfeffer (Piper nigrum) ist eine hitzeliebende Kletterpflanze

Nein, ich kenne keine Aromen für moderne Lösungen wie die E-Zigarette! Vielmehr möchte ich das Ergebnis einer kleinen wissenschaftlichen Pilotstudie vorstellen, welche von der wunderbaren Dr. Jane Buckle aus Großbritannien geleitet wurde. Ich werde sie übrigens in knapp 4 Wochen wieder life erleben, auf der Botanica2016-Konferenz in Brighton. Dort wird ein Zusammentreffen von zahlreichen, wirklich hochkarätigen Aromatherapie- und Phytotherapie-Fachleuten stattfinden, Infos zu den vielen Vorträgen und Workshops befinden sich auf der Website von Botanica2016.

An einer us-amerikanischen Universität wurden die ätherischen Öle des schwarzen Pfeffers und der Angelikawurzel auf ihre Wirkung untersucht, die Spitzen des dringenden Verlangens nach Nikotin bzw. Zigaretten abzumildern (in den meisten Glimmstengeln ist ja meistens noch allerlei Synthetikzeugs enthalten). Dafür machten die 20 ProbandInnen eine 2-minütige Trockeninhalation (auf einem Papiertuch), wann immer das Bedürfnis heftig wurde (Zigarette, Schnupftabak, Kautabak).

Eliane Zimmermann AiDA Schule für Aromatherapie

Das ätherische Öl der Angelika wird meistens aus den Wurzeln gewonnen, kann auch aus den Samen destilliert werden

Beide Öle ermöglichten ein verzögertes Greifen zum nächsten „Kick“, wobei Pfefferöl den „Yeaper“ besser reduzieren und kontrollieren konnte, Angelikaöl dagegen verhalf besser zu einer Verzögerung bis zum nächsten Nikotinschub. Die Folgerung der Autorinnen Barbara Cordell und Dr. Jane Buckle lautet: „Aromatherapie kann hilfreich beim Nikotinentzug sein“. [Cordell B, Buckle J: The effects of aromatherapy on nicotine craving on a U.S. campus: a small comparison study. J Altern Complement Med. 2013 Aug;19(8):709-13]

  • Das inzwischen sehr kostbare Angelikaöl gibt es beispielsweise bei Feeling (klick!) oder in Bio-Qualität bei Farfalla (klick!)
  • Pfefferöl gibt es auch bei Feeling und in Bio-Qualität bei Farfalla sowie bei fast allen guten Öleanbietern wie Primavera, Neumond, Wadi etc, siehe die Liste mit Links von Ölefirmen, mit denen ich zusammen arbeite(te).

Ich habe noch nie in meinem Leben auch nur einen Zug geraucht, doch ich kann mir vorstellen, dass ein Inhalierstift für dieses Ablenkungsmanöver besonders geeignet ist, weil bei Süchten meistens eine Ersatztätigkeit vorgenommen werden sollte. Der dufte Stift kann fast wie eine Zigarette gehandhabt werden. Sie sind erhältlich bei:

In ÖSTERREICH:

Feeling (klick!), das Dreierset (weiße Stifte) kostet 4,80 Euro. Hier lohnt sich die Bestellung, wenn man die seltenen und so überaus wohlriechenden CO2-Extrakte diverser Duftpflanzen kennen lernen möchte (Flieder, Kaffee, Ingwer, Lindenblüte, Basilikum etc). Und auch sonst alles, was die Aromapflege und Aromatherapie schön macht.

Die Rührwerkstatt (klick!) in der Nähe von Graz (Steiermark) liefert auch Inhalierstifte.

In DEUTSCHLAND:

Sabine Nachbauer Inhalierstifte (klick!) bietet neun unterschiedliche Farben und Großpackungen (für Kliniken etc). Warum nicht die entspannenden Düfte in blau oder grün verpacken und anregende Nuancen in rot, lila, rosa oder gelb? Ein Stift kostet 1,25 €, der 10er Pack 12,00 € und der Großpack (100 Stk) kostet 110,00 € (auch in gemischten Farben). Sabine wohnt zwar in Österreich, doch sie arbeitet jeden Tag in ihrem Duft-Studio (klick!) in Lindau und kann somit sowohl die deutsche Post als auch die österreichische Post mit entsprechenden Portogebühren bedienen.

inhalierstifte_bunt_glas_xsIn der SCHWEIZ:

In ihrem Online-Shop Allerlei Praktisches (klick!) bietet Margarete Fieguth-Jacot (klick!) aus Biel (nicht nur) Inhalierstifte in sieben Farben an, das Stück kostet 1 Schweizer Franken. Margarete ist offizielle Vertreterin von Aroma-Zone in der Schweiz, so dass man auch viele andere Dinge dieser französischen Firma ohne Zoll-Dramen bei ihr bestellen kann. Aus bürokratisch-steuerlichen Gründen (durch Umwandlung in eine Schweizer GmbH) kann Margarete übrigens keine Kunden in der EU mehr beliefern.

Mit Florentia (klick!) hat sich die schon sehr lange als Aromafachfrau tätige Sibylle Broggi-Läubli (klick!) aus Bern bereits 1996 einen Namen für handverlesene ätherische Öle und Zubehör gemacht. Nun führt sie auch Inhalationsstifte für 1 chFR das Stück. Die Bestellung lohnt sich bei ihr, wenn man einige sehr „exotische“ ätherische Öle kennen lernen möchte. Sie hat das bronchien-erweiternde Bischofskraut (Ammi visnaga) und auch das mega-seltene Kaffirlimetten-Petit Grain-Öl (es duftet ähnlich wie Lemongras). Und sie hat – yeah – mein geliebtes Zitronenmyrtenöl (Backhousia). Auch die drei immer seltener erhältlichen Öle von Eucalyptus staigeriana, destillierter Magnolienblüte und der super-feinen roten Myrte sind bei ihr erhältlich.

dufter lernen im schlaf mit rosen


Eliane Zimmermann AiDA Schule für AromatherapieKurz vor dem Schlafen Lerninhalte zu wiederholen, galt schon lange als effektiv, man sprach ja gerne vom Schulbuch unter dem Kopfkissen, es sollte vor Klassenarbeiten eine gute Hilfe sein.

Nun hat sich die Wissenschaft eines weiteren Faktors des „Lernens im Schlaf“ angenommen: Wenn der Duft von Rosen in einer bestimmten Schlafphase eingeatmet wird, verbessert sich die Leistung des Gedächtnisse noch einmal. Dieser Versuch wurde an der Universität Tübingen mit ProbandInnen gemacht, die sich Memorykarten-Paare samt deren Position einprägen sollten, sie schnupperten beim Lernen Rosenduft. Anschließend gingen alle TeilnehmerInnen schlafen, die eine Hälfte bekam im Schlaf Rosenduft zu riechen, die andere roch ein Placebo.

Der Bericht von Dr. Susanne Diekelmann von der Uni Tübingen ist hier (klick!) nachzulesen, sie stellt fest: „In einer weiteren Studie mit Kernspintomographie führte die Präsentation des Rosendufts im Tiefschlaf zu einer Aktivierung des Hippokampus sowie kortikaler Bereiche. Der Geruch scheint also die neuen Erinnerungen zu reaktivieren und damit den Transfer der neu gelernten Inhalte in den kortikalen Langzeitspeicher anzustoßen.“ Foto: Antje Wendel

neues erinnert man anders, wenn es riecht forscher untersuchen das gedächtnis


NaseVon der Ruhr-Universität Bochum werden wir regelmäßig mit spannenden Erkenntnissen rund um das Riechen versorgt. Erst letzte Woche sah ich im deutschen Fernsehen, wie für einen Produkt-Test einer großen Schuhkette lange getragene Schuhe von Riechexperten auf den gespeicherten Geruch hin untersucht wurden, also mit der Nase beschnuppert. Prof. Dr. Dr. Dr. Hanns Hatt wurde in diesem Zusammenhang zu neu gefundenen Geruchsrezeptoren befragt (eher gegen Ende der Sendung in der ARD). Wie überraschend, diese Signal-Empfangs-Organe riechen Käsegeruch 😉 .

Vor ein paar Tagen wurde eine Pressemeldung veröffentlicht, in der über neue interessante Vorgänge im menschlichen Gehirn, vor allem in der ‚Erinnerungs- und Riechzentrale‘ unseres Gehirns, dem Hippocampus, berichtet wird. Dieses kleine Nervenorgan ist auch eine der ersten Strukturen, die bei einer Alzheimer-Erkrankungen sozusagen kaputt gehen, das nicht mehr Riechen-Können kann also ein Indiz für diese und einige andere neurodegenerative Erkrankungen sein (muss aber nicht!).

Die im Folgenden zusammen gefassten Experimente an der Uni Bochum und an der Uni Düsseldorf untermauern meine Empfehlung, beim Lernen von umfangreichen Themen, wie etwa ‚Chemie der Düfte‘, Wirtschafts-Englisch, Physik-Klassenarbeit oder auch Theaterrollen unbedingt die Nase zu beteiligen und jedem Fach beim Pauken einen speziellen Duftmix zuzuordnen. Bei der Prüfung oder der Vorstellung hilft dieser Geruch dann, das betreffende gespeicherte Gedankengut besser „anzuzapfen“. Ein befreundeter Schauspieler und Regisseur, Peter Bamler, nutzt diese Erkenntnisse, um sich auf ganz unterschiedliche Stücke und Rollen vorzubereiten. Insbesondere wenn er parallel mehrere Projekte in sein Hirn dreschen muss, hilft die Begleitung mit Düften enorm. Doch lesen Sie selbst, was man nun in Bochum und Düsseldorf heraus gefunden hat:

‘‘ Die Nase denkt mit.
Unser Geruchssinn beeinflusst, wie unser Gehirn die Informationen über neuartige Objekte abspeichert. Ein bestimmter Bereich im Hippocampus spielt dabei eine besondere Rolle.

Aus Kinderspielzeug Versuchsobjekte gebaut
Wenn wir Neues kennenlernen, nehmen wir die Informationen darüber mit allen Sinnen auf. Wie das Gehirn diese Eindrücke abspeichert, haben jetzt Neurowissenschaftler der Ruhr-Universität Bochum (RUB) und der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf untersucht. Dabei bedienten sie sich einer besonderen Methode.

Mit einem Konstruktionsspielzeugsystem für Kinder kreierten sie neuartige Objekte, die den Probanden vorher nicht bekannt waren. So konnten sie untersuchen, wie die Testpersonen Objekte wahrnehmen, ohne die Ergebnisse durch vorherige Erfahrung zu verfälschen.

Geruchssinn ist wenig erforscht
Das Team um Prof. Dr. Boris Suchan von der Abteilung für klinische Neuropsychologie der RUB und Prof. Dr. Christian Bellebaum vom Institut für Experimentelle Psychologie der Heinrich-Heine-Universität ist besonders an der Rolle des Geruchssinns interessiert, da dieser im Vergleich zu anderen Sinnen noch wenig erforscht ist.

In der Trainingsphase zeigten die Forscher den Probanden verschiedene unbekannte Objekte und setzten gleichzeitig einen jeweils spezifischen Geruch frei. Zum Vergleich stellten sie den Testpersonen andere Objekte ohne Geruch vor. Die Probanden durften die Objekte anschauen, jedoch nicht anfassen.

In der anschließenden Untersuchung im Magnetresonanztomografen (MRT) mussten die Versuchspersonen auf Bildern erkennen, ob es sich um ihnen bekannte oder unbekannte Objekte handelt. Die Wissenschaftler beobachteten derweil, welche Regionen dabei im Gehirn aktiv waren.

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Hippocampus integriert verschiedene Sinneseindrücke
„Die Analyse der Gehirnaktivität hat uns gezeigt, dass der rechte vordere Hippocampus stärker aktiviert ist, wenn die Objekte mit einem Geruch verbunden waren“, erklärt Suchan. Über die Ergebnisse berichten die Forscher in der Zeitschrift „Behavioural Brain Research“.

Als Schaltzentrale für Erinnerungen ist der Hippocampus an vielen Gedächtnisprozessen beteiligt. Die Studie zeigt, dass es innerhalb dieser Gehirnregion einen speziellen Bereich gibt, der involviert ist, wenn Erinnerungen an Gerüche verarbeitet werden.

Die Forscher vermuten zudem, dass an dieser Stelle auch die Informationen verschiedener Sinneseindrücke zusammengeführt werden. Ob dies nur für Sehen und Riechen gilt oder auch für andere Sinne, muss nun weiter erforscht werden.

Förderung
Mit der Frage, wie Sinneseindrücke im Gehirn abgebildet werden und zu Gedächtnis führen, beschäftigt sich seit 2010 der Sonderforschungsbereich (SFB) 874 an der Ruhr-Universität Bochum, der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird. Die aktuelle Studie entstand im von Prof. Dr. Boris Suchan geleiteten Teilprojekt B8 des SFB 874, das sich mit der perzeptuellen Funktion des Hippocampus beschäftigt. ‘‘

Originalveröffentlichung. M. Ghio, P. Schulze, B. Suchan, C. Bellebaum (2016): Neural representation of novel objects associated with olfactory experience, Behavioural Brain Research, DOI: 10.1016/j.bbr.2016.04.013   Text: Annegret Kalus   ::   Abbildung Hippocampus: Henry Vandyke Carter, Henry Gray (1918) Anatomy of the Human Body

aromapflege bei der sterbe-begleitung


Eliane Zimmermann AiDA Schule für Aromatherapie

Blüte eines Bitterorangenbaumes, Citrus aurantium, daraus wird Neroli-Öl gewonnen

Bevor ich zum letzten Gegenstand in meiner ‚fliegenden Wundertüte‘ komme, muss ich noch kurz die Antwort auf eine Frage, die dieser Tage an mich gerichtet wurde, loswerden. Ich finde, dieses Thema ist immens wichtig und ich möchte auch anderen LeserInnen diesen Denkanstoß mitgeben.

Ich bin zu einer in einem (nicht von mir gehaltenen) Kurs empfohlenen Mischung zur Sterbebegleitung befragt worden, ob ich einen bestimmten Mix aus eher schweren Ölen wie Harzen, Hölzern und Rose ‚richtig‘ finden würde.

Ich meine, man MUSS in der Sterbebegleitung noch individueller arbeiten als bei nicht-sterbenden Menschen. Es gibt kein ‚richtig‘, jedoch unter Umständen ein gravierendes ‚falsch‘. Wenn die betreffende Person ihren Wunschduft nicht mehr mitteilen kann, muss man ihre Duftvorlieben anhand der Biografie heraus finden (Verwandte fragen, Hobbys erfragen, Berufsvorlieben herausfinden, Themen wie Lieblingsessen, Wald, Garten, ferne Ländern, Kirche, süße Düfte etc. versuchen, herauszufinden).

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Weihrauch, das Harz der Boswellia-Bäumchen aus den kärgsten Wüsten der Welt

Was für den einen Menschen wundervoll riecht, kann für den anderen ekelhaft sein. So oft wird beispielsweise Weihrauchöl empfohlen, ich jedoch würde beim Riechen von Weihrauch im Sterbeprozess vermutlich ganz schreckliche Erinnerungen an die als bösartig empfundenen Nonnen in einer meiner frühen Schulen bekommen. Auch Rosenduft als Öl passt mir nicht immer (frische Rosen ja), bin eher der Iris-Typ, auch Jasmin- und Magnolienduft sind so richtig meine Wohlfühldüfte. Ob diese Duftrichtung mir bei Sterben helfen würde, ich kann ich freilich momentan nicht abschätzen, das müsste dann in der konkreten Situation  getestet werden.

Mich erinnert dieses Thema an Erfahrungen aus dem Kreißsaal. Frau hört, dass dieses oder jenes Öl ganz toll sein soll bei der Entbindung, diesen Duft haut frau dann jedoch eventuell den GeburtshelferInnen um die Ohren, weil er in genau dieser Situation ganz und gar nicht passt.

Iris pallida

Das sehr kostenaufwändige Iris-Öl kann aus den dicken Rhizomen von Iris pallida gewonnen werden

Also bitte in der Sterbehilfe keine vorgefertigten oder von fremden Personen empfohlenen Mischungen anwenden. Oder diese zumindest sehr behutsam an der betreffenden Person testen. Wenn sie es nicht mehr sagen kann, spürt man als Pflegeperson vielleicht ein Zucken der Lippen, der Hände oder eine veränderte (vertiefte oder stockende) Atmung. Fertige Mischungen duften für uns oder für die Angehörigen vielleicht supergut, doch müssen sie nicht für jedermann und jederfrau passen. Es muss nicht Weihrauch sein, auch die gerne empfohlene Iris kann nicht für jeden Menschen, der sich auf Abschiedsreise befindet, ‚richtig‘ sein. Wenn beispielsweise jemand feinste Erinnerungen an seine Reise nach Sizilien in sich trägt, könnte beispielsweise ganz einfach ein frischer Zitronen- und/oder Neroliduft für diese letzte Reise perfekt sein!

Wer sein Leben lang Pfefferminzbonbons bei sich trug und vielleicht auf Urlaubsreisen lutschte, wird möglicherweise die befreiende und lösende Wirkung von einem Hauch Pfefferminzöl beim Loslassen zu schätzen wissen. Wer die schönste Zeit seines Lebens in Australien verbrachte, erfreut sich vielleicht sogar über den „schnöden“ Teebaum- oder Eukalyptusduft beim Überschreiten der Regenbogenbrücke.

Also ist mein Rat, in diesem letzten Lebensabschnitt ganz besonders behutsam mit der Auswahl von Düften zu sein und die Dosierung sehr niedrig zu halten, man orientiere sich an Baby-Verdünnungen von 0,5 bis 1 Prozent, eventuell sogar darunter. (Die Verdünnungstabelle im Scheckkartenformat zum kostenlosen Runterladen und Laminieren befindet sich hier, klick! auf meiner Website, sie wird demnächst renoviert).

innovative inhalation von naturdüften


Eliane Zimmermann AiDA Schule für AromatherapieIch bin noch nicht durch mit den vielen feinen Dingen, die sich in der „fliegenden Wundertüte“, also in meinem Koffer, nach meiner langen Seminare-Reise befanden. Heute zeige ich euch eine unglaublich moderne und praktische Form der Riechstoff-Aufnahme. Ich habe den Aspiraclip® inzwischen ausführlich getestet habe, denn ich bin geflogen und Zug gefahren, musste mich konzentrieren und hatte sogar eine fette klimaanlage-bedingte Erkältung. Es handelt sich um einen sehr kleinen, ganz weichen hufeisenförmigen Halb-Ring aus farblosem Silikon, den man sich an den Eingang der Nasenöffnungen hängt, er zwickt kein bisschen und bleibt dennoch gut dort befestigt.

aspira_clip_websiteDas Foto auf der Website der jungen innovativen Firma, die 2015 in Berlin-Brandenburg gegründet wurde, zeigt wie es geht, ein kleiner Film erläutert die Anwendungsmöglichkeiten. An beiden Endes des „Hufeisens“ ist das Silikon röhrenförmig, in beiden Öffnungen befinden sich jeweils ein winziger Zellstoff“tampon“, der mit den ätherischen Ölen Eukalyptus und Pfefferminze getränkt ist. Laut Firmen-Website enthält der Mini-Inhalator  ein Gemisch aus 20% Eukalyptusöl (Ph. Eur. 7.0) und 80% Pfefferminzöl (Ph. Eur 7.5). Der kleine Clip wird in einem transparenten Döschen geliefert, nach erstmaligem Öffnen kann man 21 Tage lang damit inhalieren, je nach Bedarf bis zu 2 Stunden täglich.

Eliane Zimmermann AiDA Schule für AromatherapieMeine Erkenntnis ist: Bei meiner häufig mehr oder weniger verstopften Nase (chronische Tendenz zur Sinusitis), wirkt der von mir als eher zu zart empfundene Duft leicht befreiend. Nach einer längeren Zeit der Anwendung (ab 15 Minuten) macht er meinen Kopf klar, was bei Arbeiten, die Konzentration erfordern, sehr hilfreich sein kann. Einer meiner Probanden fand den cleveren Clip auch beim nächtlichen Arbeiten als gute Unterstützung. Mein jüngster Sohn klagt auch oft über eine verstopfte Nase, er fand den Clip nicht hilfreich, weil zu schwach. Ich habe für mich selbst zu einem verstärkenden Trick gegriffen und habe die zwei Zellstoffteile aus den Röhrchen gedrückt, und alle paar Tage mit Lieblings-Bio-Ölen nachgeladen, beispielsweise mit Ravintsaraöl. Auch jeweils einen Tropfen meines Pfefferminz-Roll-Ons (Bio-Pfefferminzeöl zehnprozentig in fast reinem Äthanol) hatte ich unterwegs mal rein gefüllt, diese Anwendung empfand ich als prima erfrischend in öffentlichen miefigen Verkehrsmitteln. Und so wirkte das Teilchen auch etwas überzeugender, als ich eine mega-verschnupfte Nase hatte. Auf meinem Foto sind Mentholkristalle zu sehen, dieser Inhaltsstoff aus echtem Mentha piperita-Öl (knapp 50 Prozent) wirkt konzentrationsfördernd und bei manchen Menschen anregend, so dass ich das Produkt abends vorm Einschlafen nicht unbedingt empfehlen würde, zumindest muss man drauf achten, ob man dennoch gut schlafen kann.

Mein Fazit ist: Ein geniales, innovatives und praktisches Produkt mit dem Qualitätsversprechen ‚Made in Germany‘ (also kein billiger China-Kram)! Man hätte selbst drauf kommen können 😉 ! Bei heftigem Schnupfen mag der Mini-Inhalator nicht stark genug sein, doch das wird sicher individuell sehr unterschiedlich empfunden. Bei häufigen Sinusitis-Beschwerden kann er ein prima Begleiter sein. Ich würde es begrüßen, wenn man als Profi auch unbeduftete Aspiraclips bekommen könnte, um diese mit Bio-Ölen seiner Wahl befüllen zu können, denkbar wäre beispielsweise auch eine Variante mit Bio-Vanilleextrakt und Bio-Mandarinenöl, die sicherlich ein Knaller bei Unruhe und Einschlafstörungen wäre. Ein Mix aus Basilkum und Rosengeranie würde sicherlich stark beanspruchte und gestresste Menschen aus ihrem Hamsterrad befreien helfen. Ich würde den leeren Clip nach einigen Tagen jeweils für ein paar Stunden in hochprozentigem Alkohol einlegen, um ihn zu desinfizieren und ihn dann mit neuen Füllungen bestücken. Mit so einer Müllverringerungs-Strategie würde ich mich besser fühlen, anstatt das kleine Ding alle drei Wochen wegwerfen zu müssen.

Der Aspiraclip® ist in jeder Apotheke erhältlich, aber auch beim großen Versand-Buchhändler (klick!) und kostet circa 10 Euro.

chemotypen – warum bescheid wissen nützlich ist [teil 1]


Thymianarten_beschrKürzlich verfolgte ich auf Facebook eine Diskussion, in der es um Chemotypen vom Thymianöl ging. Jemand meinte, es sei doch nicht wichtig, sich mit diesem Unterschied zu befassen. Hoppla, dachte ich mir, da hat jemand allenfalls eine theoretische „Ausbildung“ in Aromatherapie durchlaufen. Wer die Gelegenheit hatte, die unterschiedlichen Thymianöle ausgiebig schnuppernd zu vergleichen, wird Welten zwischen diesen Düften fest stellen können.

In Prüfungen, die ich abnehme, bekommt jede/r Proband/in zwei konträre Öle zu riechen, also beispielsweise Thymian Ct. Linalool und Thymian Ct. Thymol. Weil die Prüflingen naturgemäß immer sehr aufgeregt sind, muss gar nicht identifiziert werden, um welche Pflanze oder um welches Öl es sich handelt, schon gar nicht verlange ich den wissenschaftlichen Namen der Pflanze. Nein, ich frage ganz einfach: Welches Öl würdest du einem Kleinkind geben, welches nicht? Welches Öl passt eher zu einem robusten und ingesamt gesunden Mann (der momentan erkältet ist)? Welches Öl würdest du eher einer sehr alten zarten Frau gegen ihren Husten einreiben?

Bislang konnte jede/r diese Fragen beantworten, wenn die Nase sich beteiligen durfte/konnte. Das ist einer der Gründe, warum ich gegen Fernstudien ganz ohne Präsenzunterricht bin. Bei manchen Naturdüften geht es nicht ohne Nase (eigentlich bei allen!). Als zukünftige Fachperson für ätherische Öle, MUSS man sich mit den unterschiedlichen Gerüchen der Chemotypen mancher Öle auskennen und sie möglichst er-riechen können. Ist in einem Rosmarin besonders viel Campher enthalten, verwende ich es nicht bei Kleinkindern und schwangeren Frauen, duftet Myrtenöl eher blumig-süß statt eukalyptusartig, werde ich ersteres eher dem Asthmatiker empfehlen. Ganz zu schweigen von der Gesamtqualität von ätherischen Ölen: Diese sollte nach einiger Erfahrung gerochen werden können, also ob etwa bei Rosenöl oder Jasminabsolue tüchtig mit Labormolekülen nachgeholfen wurde oder nicht, ob Lindenblüte natürlichen Ursprungs ist oder synthetisch (letzteres duftet sogar meistens viel besser 😦 ).

Thymian_x_citriodorus_xsAuch ist die geschulte Nase beim Beurteilen, ob ein Naturduft zumutbar für die Haut ist, immens wichtig: Selbst Lavendel hält nicht ewig (strenge Stimmen sagen nur 1,5 Jahre, wenn empfindliche Haut damit behandelt werden soll), Lemongrass verliert mit der Zeit seine frisch-zitronige Note, Mandarine erinnert leider viel zu schnell an verschimmeltes Obst, Teebaum weckt Assoziationen an Pinselreiniger. Wie soll man diese immens wichtige Qualitätskontrolle per Fernstudium lernen?! Und wie soll man die tiefe innere/seelische Wirkung von Naturdüften erfahren können, wenn man nicht in Ruhe an ihnen schnuppern kann!!?? Doch nun zurück zum Thymian.

Das ätherische Öl aus den Zweiglein und Blättchen des  Thymus vulgaris wird aus (mindestens) sechs Chemotypen destilliert, also aus Thymianpflanzen mit sechs unterschiedlichen chemischen Schwerpunkten (oder Leitsubstanzen). Je nachdem wie hoch auf dem Berg oder wie nah am Meer das Heilkraut wächst, reagiert es unter anderem auf die UV-Strahlung und bildet andere Inhaltstoffe in unterschiedlichen Zusammensetzungen aus.

Eliane Zimmermann Schule für AromatherapieDas klassische, seit Jahrhunderten in der Medizin bekannte Thymianöl stammt aus Pflanzen in eher niedrigen Lagen und ist reich an Thymol und Carvacrol, das sind stark wirksame Monoterpen-Phenole (Moleküle aus 10 Kohlenstoffatomen, die sich innerhalb des Moleküls zu einer Sechserkette „verknoten“). Diese sind für fast jeden krank machenden Mikroorganismus fatal. Man nannte diese zwei streng duftenden Öle früher Thymian rot (Ct. Thymol) und Thymian schwarz (Ct. Carvacrol), da beide Moleküle die Eisendestille angreifen und sich das Öl dann entsprechend verfärbt. Heute werden jedoch fast nur noch Edelstahldestillen bei der Produktion eingesetzt, so dass das Öl transparent-hellgelb ist. Die bekanntesten Chemotypen von Thymus vulgaris L. sind:

Thymian Ct. Thymol (Thymus vulgaris L.) enthält – je nach Lieferant – zwischen 35 und 55 Prozent Thymol und ist somit eines der besten Öle bei der Abwehr von Infektionen im HNO-Bereich und bei Pilzinfektionen, vor allem der Füße. Zudem ist es hilfreich bei Schmerzen von Gelenken und Muskeln. Da die Monoterpen-Phenole jedoch auch stark haut- und schleimhautreizend wirken, darf für den Hausgebrauch immer nur eine maximal 1%-ige Verdünnung auf die Haut aufgetragen werden

Die selteneren Thymianöle gedeihen nur in hohen und mittleren Lagen (benötigen also mehr ultraviolettes Licht, um die sanften Inhaltsstoffe auszubilden), sie sind wesentlich kostenintensiver, eignen sich jedoch wegen ihres hohen Gehaltes an verschiedenen hautfreundlichen Monoterpenalkoholen Linalool, Thujanol-4 und Geraniol besser für die Selbstbehandlung.

Thymian Ct. Linalool (Thymus vulgaris L.) findet man fast immer bei gut sortierten Ölefirmen, dieses fein duftende Öl beeinflusst den Atemtrakt positiv bei Erkältung, Husten, Bronchitis, Ohrenschmerzen und Stirnhöhlenentzündung – insbesondere sehr empfindlichen (älteren) oder beeinträchtigten Menschen und bei Kindern.

Thymian Ct. Thujanol-4 (Thymus vulgaris L.) ist schwer zu kultivieren und darum eher eine seltene und kostenintensive Rarität (das Öl kann über 30 Euro für 5 ml kosten!). Es wirkt stark antiviral und zeigt insbesondere bei gynäkologischen Clamydien-Infektionen gute Erfolge.

Thymian Ct. Paracymen [auch p-Cymen] (Thymus vulgaris L.) ist in der französischen Aromatherapie beliebt als starkes Mittel bei Gelenk- und Muskelschmerzen, das Öl kann je nach Gehalt an p-Cymen bei empfindlicher Haut irritierend wirken.

Thymus_serpyllum_Sandthymian_xs

Andere Thymian-Arten, die also keine Thymus vulgaris L. sind, können auch gut in der Aromatherapie eingesetzt werden, auch unter ihnen sind Chemotypen bekannt.

  • Thymus mastichina (L.) L. enthält bis zu 75 Prozent 1,8-Cineol, duftet also eukalyptusartig-frisch. Da das Öl in seiner Heimat Spanien als mejorana bekannt ist, ist es im deutschsprachigen Bereich oft als (Wald-)Majoran zu finden, es setzt sich jedoch völlig anders als das Öl des echten Majoran (Origanum majorana) zusammen. Es ist ein ausgezeichnetes Anti-Erkältungsöl, das auch Kinder gut vertragen, da es weder stechend noch medizinisch riecht.
  • Thymus serpyllum L. ist der in ganz Europa auch wild wachsende Quendel, sein Öl kann in Zusammensetzung und Duft sehr unterschiedlich ausfallen.
  • Thymus zygis L. aus Spanien gilt gegenüber dem Thymian Ct. Thymol-Öl aus der Provence als nicht so hochwertig, seine bis zu 75 Prozent an hautreizendem Thymol machen die Anwendung für Laien schwierig. Diese Pflanze kann auch einen seltenen milden Linalool-Chemotyp hervorbringen.
  • Thymus capitatus (L.) Hoff. et Link. (oder Coridothymus capitatus) wird auch Spanischer Oregano genannt, durch den Gehalt von bis zu 70 Prozent hautreizendem Carvacrol ist es nicht für den Hausgebrauch geeignet.
  • Thymus citriodora ist eine unkorrekte Bezeichnung für Thymus x citriodorus (Pers.) Schreb., das ist der Zitronenthymian, oft wird jedoch der Linalool-Typ auch
    als Zitronenthymian bezeichnet.

Achtung: Die phenolhaltigen Thymianöle, also Chemotyp Thymol und Chemotyp Carvacrol sollten niemals unverdünnt auf der Haut verwendet werden und nicht dauerhaft bei sehr hohem Blutdruck im Einsatz sein, sie gehören nicht in die Hände von medizinischen Laien.

Studie: Eine nützliche wissenschaftliche Arbeit zu Thymianöl und seine Wirkung gegen vielfach resistente Bakterienstämme, die im klinischen Bereich vorkommen: Sienkiewicz M, Lysakowska M, Denys P, Kowalczyk E: The Antimicrobial Activity of Thyme Essential Oil Against Multidrug Resistant Clinical Bacterial Strains. Microb Drug Resist. Microb Drug Resist. 2012 Apr;18(2):137-48.

Thymus_mastichina_webAusprobieren: Zwei Öleanbieter führen jeweils etliche Thymianöle: Maienfelser hat derzeit 17 (!) unterschiedliche Thymianöle im Angebot, Oshadhi und Ronald Reike bieten immerhin jeweils acht unterschiedliche Thymiandüfte.

Abbildung T. mastichina: Vielen Dank an Patrizia Wyler Cassani, die extra für mich in den Botanischen Garten zum Fotografieren ging, damit auch ich mal lerne, wie die Rarität des hübschen Thymus mastichina aussieht!

geruchssinn als indikator für ein langes oder kurzes rest-leben


Eliane Zimmermann AiDA Schule für AromatherapieWer über einen intakten Geruchssinn verfügt, hat (ab Mitte 50) noch lange zu leben. So in etwa lautet das Fazit einer größeren Studie, die von Dr. Jayant Pinto von der Universität Chicago an über 3000 Menschen durchgeführt hat. Der erste Durchlauf der Untersuchung erfolgte in den Jahren 2005 bis 2006. 39 Prozent der 3005 Probanden zwischen 57 und 85 Jahren, die fünf Gerüche nicht identifizieren konnten, waren beim zweiten Durchlauf des Experiments – 2010-2011 – verstorben; demgegenüber starben „nur“ 19 Prozent der StudienteilnehmerInnen, welche den Riechtest bestanden hatten, innerhalb dieser fünf Jahre.

Für den Riechtest mussten folgende Gerüche in dieser Schwierigkeitsreihenfolge identifiziert werden: Pfefferminze, Fisch, Orange, Rose und Leder. Das Umfrageteam arbeitete mit den Sniffin‘ Sticks, die von NeurologInnen zur Identifizierung von ersten Symptomen von Morbus Alzeimer und Parkinson als Diagnosemittel verwendet werden. Dieses interessante Experiment zeigte dass:

  • Fast 78 Prozent der TeilnehmerInnen normal riechen konnten: 45,5 Prozent von ihnen konnten alle fünf der fünf Gerüche korrekt identifizieren, 29 Prozent aus dieser Gruppe konnte vier der fünf Riechstoffe benennen.
  • Fast 20 Prozent der Probanden wurden als “hyposmisch” eingestuft („Schwachriecher“): Sie identifizierten zwei oder drei der fünf Gerüche.
  • Die restlichen TeilnehmerInnen, also 3,5 Prozent, waren Anosmiker: Sie konnten nur einen der fünf Gerüche erkennen (2,4 Prozent) oder gar keinen (1,1 Prozent). In dieser Gruppe befanden sich erwartungsgemäß die ältesten Probanden (25 Prozent der 85-jährigen) und in dieser Gruppe gab es die verhältnismäßig hohe Sterblichkeit von knapp 40 Prozent.

Studienleiter Prof. Pinto sagt dazu: „Der Geruchssinn ist der am meisten unterschätzte und am wenigsten geschätzte menschliche Sinn —bis er entschwunden ist.” Das Forschungsteam, das aus BiopsychologInnen, ÄrztInnen, SoziologInnen und StatistikerInnen besteht, hat dazu folgende Hypothese aufgestellt: Der Riechnerv ist der einzige Hirnnerv, der direkt der Umgebung/Umwelt ausgesetzt ist. Er könnte als Eingangspforte für Umweltverschmutzung, Toxine, Krankheitskeime oder andere Substanzen dienen, welchen das Zentrale Nervensystem ausgesetzt ist.
Die für das Experiment verantwortliche Psychologin Prof. Martha K. McClintock, die sich in ihrer ganzen Karriere mit dem Geruchssinn und der Kommunikation durch Pheromone befasst hat, kommentiert die Ergebnisse folgendermaßen: „Die Geruchsorgane enthalten Stammzellen, die sich selbst regenerieren können. So könnte ein Verlust in der Fähigkeit zu riechen ein Indiz dafür sein, dass die Fähigkeit des Körpers, seine wichtigen Ressourcen zu regenerieren, am abnehmen ist. Somit könnte dieser Verfall ein Indikator für die Sterblichkeit sein. Der evolutionär gesehen uralte Geruchssinn könnte einen wesentlichen Mechanismus, der für Langlebigkeit verantwortlich ist, aufzeigen.“

Die gesamte Studie, die am 1. Oktober 2014 veröffentlicht wurde, kann hier nachgelesen werden. Interessante Infos zum Riechen und zu einem Riechstifte-Baukausten gibt es auf der Website von der Uni Dresden nachzulesen. Deren engagierter Riechforscher Prof. Dr. Thomas Hummel trug zur Studie bei.

PS zur Erläuterung: Etliche neurodegenenerative Erkrankungen wie Morbus Alzheimer oder Parkinson kündigen sich mit dem Schrumpfen des Hippocampus an, dem Teil des Limbischen Systems, der Riechen und Erinnerungen verarbeitet, beide Funktionen verschwinden nach und nach. Mit dem Eintritt einer solchen Erkrankung wäre eine verkürzte Rest-Lebenszeit eingeläutet. Menschen, die ihr Essen nicht mehr riechen können, essen Verdorbenes oder Unverträgliches oder essen zu wenig, da der Appetit fehlt, auch das könnte ein möglicher Faktor der Verkürzung des Rest-Lebens gegenüber riechenden Menschen sein. Menschen, die Gefahren wie Rauch, Feuer und Abgase nicht mehr riechen können, könnten eher einem Unfall zum Opfer fallen. Menschen, die nicht mehr riechen können, werden öfter depressiv als Riechende, sie verlieren öfter die Freude und das Interesse am Genuss und am Leben, auch das könnte ein Risikofaktor sein.

aromatherapie bei bauchschmerzen und seelentiefs


AiDA Schule für Aromatherapie Eliane Zimmermann1-Methoxy-4-(2-Propenyl)-Benzen: Wenn ich in meinen Kursen dieses Wort verwenden würde, käme vermutlich niemand mehr. 1-Allyl-4-Methoxybenzen würde vermutlich auch nicht zu einem großen Publikum führen. Nehme ich das Wort Methylchavicol in den Mund, schmunzeln zumindest die „alten Hasen“ und erfreuen sich an den wunderbar entkrampfend wirksamen Eigenschaften dieses Moleküls. In den meisten Aromatherapie-Büchern ist der Einfachheit halber von Estragol die Rede. Alle vier Wörter meinen den gleichen estragon-artig-würzigen Duft, benennen dieses Phenylpropan. Es ist der Hauptbestandteil des namensgebenden ätherischen Öles (bzw. Würzkrautes), es kann auch der Hauptinhaltsstoff von einigen Basilikumölen sein (je nach Herkunft und Chemotyp), diese werden in der Aromatherapie viel mehr eingesetzt als Estragonöl.

Weil dieser Stoff so wunderbar bei Stresszuständen und stressbedingten Symptomen einzusetzen ist, nenne ich mein Lieblings-Basilikumöl (aus CO2-Extraktion) gerne „Scheiß-Egal-Öl“, das hört sich flapsig-respektlos-unanständig an und nicht annähernd so kompliziert wie obige Begriffe, doch können es sich fast alle Kursteilnehmer auf Anhieb merken 😉 . Es ist ein Öl, das bereits in winzigen Konzentrationen der überlasteten Seele hilft und somit immer stark verdünnt eingesetzt werden sollte (1% und weniger), mehr würde ohnehin eher stinken. Die Kombination mit Bergamotte, Mandarine und/oder Orangenschalenöl duftet und wirkt besonders gut.

Der Einfluss dieses Moleküls auf die Reiz-Weiterleitung im Nervensystem (insbesondere auf die Natriumkanäle) wird in dieser ganz neuen brasilianischen wissenschaftlichen Arbeit beschrieben: Silva-Alves KS, Ferreira-da-Silva FW, Peixoto-Neves D, Viana-Cardoso KV, Moreira-Júnior L, Oquendo MB, Oliveira-Abreu K, Albuquerque AA, Coelho-de-Souza AN, Leal-Cardoso JH. Estragole blocks neuronal excitability by direct inhibition of Na+ channels. Braz J Med Biol Res. 2013 Dec 2;46(12):1056-1063, man kann diese Studie hier kostenlos runterladen (in englischer Sprache). Allerdings sollte man sich gut mit Zellphysiologie auskennen, um diesen Text zu verstehen 😦 man kann jedoch aus der Quintessenz dieser Studie schließen, dass ätherische Öle, die reich an Estragol sind, eine lokalanästhetische Wirkung haben müssten.

Methylchavicol ist übrigens ein chemischer (zweieiiger) Zwilling (Isomer) von Anethol, dem Hauptbestandteil von Fenchelöl, Anisöl, Ravensaraöl (nicht zu verwechseln mit Ravintsara!) und manchen Agastacheölen (Anisysop). Beide oben abgebildeten Öle (Basilikum und Fenchel) sind unschlagbar bei krampfhaften Bauchbeschwerden, vor allem wenn sie durch eine Wärmflasche unterstützt werden. In meinem Aromachemie-Rap heißt es dazu – auch leicht zu merken: Estragol und Anethol die sind nicht arm, vertreiben jede Luft aus deinem Darm. Zudem kann Basilikumöl Wunder wirken bei unspezifischer Anosmie, d.h. wenn jemand nicht mehr riechen kann, ist es möglich durch mehrmals tägliches Schnuppern an diesem Duft irgendwelche stockenden Nervenübertragungen zwischen Nase und Gehirn/Riecharealen wieder zu aktivieren (mehr dazu habe ich bereits hier und hier klick! geschrieben, auch über die vermeintlichen Gefahren des isolierten Inhaltsstoffes gibt es dort Informationen und Links). Wer auf Facebook unterwegs ist, kann sich hier mit Anosmie-Betroffenen austauschen.

PS Wer meinem Musikstudenten-Sohnemann einen riesigen Gefallen tun möchte, schaut und hört mal sein erstes Musikvideo an und schenkt ihm ein ‚like‘ (wenn’s gefällt, Achtung, Ohrwurm-Gefahr!), hier geht’s zum Youtube-Video (gerne auch weitergeben an Musikfreunde).

herz-, haut,-blutzellen: alle können riechen


Theobroma cacao Eliane Zimmermann Aida AromatherapyFast unbemerkt ist die vor einigen Wochen erschienene Pressemitteilung der TU München (TUM) an den meisten von uns vorbei gegangen: Forscher haben herausgefunden, dass sogar Blutzellen „riechen“ können. Sie sind also mit so genannten Chemorezeptoren ausgestattet, welche auf Riechstoffe reagieren können.

Wie Prof. Peter Schieberle, Leiter des TUM-Lehrstuhls für Lebensmittelchemie und Direktor der Deutschen Forschungsanstalt für Lebensmittelchemie (DFA; Leibniz-Institut) erläuterte, ging die Wissenschaft bisher davon aus, dass nur die Nase über Geruchsrezeptoren verfügt. Dass sich olfaktorische Rezeptoren auch auf anderen als den Riechzellen befinden, war somit laut Prof. Schieberle eine Überraschung.

TeilnehmerInnen von diversen Aromatherapie-Kongressen wissen allerdings seit vielen Jahren – dank der Aufklärungsarbeit von Prof. Dr. Dr. Dr. Hanns Hatt, dass man an der Uni Bochum bereits andere Zellen und deren Rezeptoren identifizieren konnte, welche auf Geruchsreize reagieren. Vor gut zehn Jahren wurden von seinem Team Spermien als riechende „Wesen“ erkannt, einige Zeit später berichtete er von auf Geruchsmoleküle reagierende Herz- und Hautzellen. Hier (klick!) kann man in einem älteren Blog-Eintrag mehr dazu lesen, hier geht es zu seinem Buch (klick!).

Laut der Ende April 2013 veröffentlichten Pressemeldung der Arbeitsgruppe um Dr. Dietmar Krautwurst (TUM) „können Blutimmunzellen bestimmte Lebensmittelinhaltsstoffe erkennen. Der Begriff ‘riechen‘ bleibt aber dem Organ Nase vorbehalten, auch wenn es sich hier um die gleichen Rezeptoren handelt. Im Falle der Blutzellen sprechen wir von Chemorezeption.“  Primärzellen aus menschlichen Blutproben können von Duftmolekülen, die für ein bestimmtes Aroma verantwortlich sind, angelockt werden. Schieberle erläuterte ein Experiment, bei dem die Forscher einen duftenden Lockstoff auf der einen Seite einer unterteilten Multiwell-Platte und Blutzellen auf der anderen Seite aufbrachten. Die Blutzellen bewegten sich in Richtung des Geruchs.

„Es ist noch nicht geklärt, ob die Geruchsmoleküle im Körperinneren auf dieselbe Weise wie in der Nase wirken“, erklärte er. „Aber das würden wir gerne herausfinden.“ Schieberles Arbeitsgruppe arbeitet auf einem Gebiet, das sie „Sensomics“ nennen. Hierbei erforschen sie insbesondere, auf welche Weise Mund und Nase die Schlüsselsubstanzen für Aroma, Geschmack und Beschaffenheit von Nahrungsmitteln wahrnehmen, vor allem von wohlschmeckenden Nahrungsmitteln wie Schokolade und Röstkaffee.

Wer englisch lesen kann, sollte sich ich diesen Artikel über Sensomics auf der Zunge zergehen lassen, in dem zusammengefasst wird, wie die Arbeitsgruppe von Prof.  Schieberle die Geruchsmoleküle von Schokolade bzw. Kakao zerlegt hat. Sie fanden darunter ‚appetitliche Düfte‘ wie Isovaleriansäure (2- and 3-methylbutanoic acids), welche schwitzig und ranzig riecht,  Dimethyltrisulfid, welches schwefelig nach gekochtem Kohl riecht und eine Komponente , die an Kartoffelchips erinnert (2-ethyl-3,5-dimethylpyrazine). Diese und andere Geruchsstoffe zusammen identifiziert unser Gehirn dann als „lecker-schokoladig-appetitlich-haben-will“ (insbesondere wenn dann noch der neurotransmitter-artige Botenstoff Vanillin ins Spiel kommt).

Die Reaktion von Zellen des menschlichen Immunsystems auf Riechstoffe wirft vielleicht bald ein ganz neues Licht auf die Entstehung von Allergien. Vielleicht „schmeckt“ unserem Immunsystem so einiges, das uns die Industrie auftischt, ganz und gar nicht. Umgekehrt werden möglicherweise die hervorragenden Wirkungen einiger ätherischer Öle wie Atlaszeder (Cedrus atlantica) und Zypresse (Cupressus sempervirens) auf ein völlig überreiztes und überfordertes Immunsystem besser erklärbar.

Eliane Zimmermann Schule für AromatherapieDeren Moleküle sind uns menschlichen Wesen seit „ewigen Zeiten“ vertraut, sie „schmecken“ uns, wir können sie gut leiden, sie duften für uns und helfen uns.  Auch der therapeutische Effekt von Einreibungen und Massagen mit natürlichen ätherischen Ölen erscheint in Anbetracht der neuen Forschungsergebnisse in einem anderem Licht: Wenn Haut- und Blutzellen „riechen“ können, geben sie vermutlich (im Idealfall) wertvolle Heilungsimpulse in unseren gesamten Körper. Im besten Sinne sind Aromatherapie und Aromapflege also ein Bestandteil der Regulativen Medizin. Umso wichtiger erscheint es nun, dass wir uns möglichst NIE – oder zumindest nicht täglich – mit synthetischen Duftmolekülen umgeben und schon gar nicht unsere Haut damit be-LÄSTigen (was passiert mit der unverdaulichen LAST? wird sie irgendwo gelagert, kapselt sie sich ein? entwickelt sie ein Eigenleben, bewirkt sie Tumore?). Denn immer mehr zeichnet sich ab, dass Riechstoffe nichts anderes als Botenstoffe sind (vor einigen Jahren berichtete Ruth von Braunschweig bereits, dass Vanillin der Lockstoff einer südamerikanischen Wanze sei). Wer weiß, welche irritierenden Botschaften von menschengemachten Molekülen ausgehen mögen? Wie sehr sie uns runter ziehen können, wie sie Alarmsignale in unserem Körper verbreiten. Wie sehr sie traurig, ja depressiv machen können? Also lieber (und sicherheitshalber) in Wohlfühldüften aus der Natur schwelgen, unsere Nase zeigt den Weg.