auch darmkrebszellen reagieren auf riechmoleküle


RUB Duftforschung - neue Riechrezeptoren in menschlichen Hautzellen

Prof. Dr. Hatt ist regelmäßig ein spannend vortragender Gast auf Aromatherapie-Konferenzen, hier schnuppert sich durch Düfte

Regelmäßig hören wir von neuen Erkenntnissen vom kreativen Team von Zellphysiologen rund um Professor Hanns Hatt. Zusammen mit Dr. Lea Weber ging es um Darmkrebszellen, welche durch die Begegnung mit dem Riechstoff des Lisgusterstrauches anfangen zu schrumpfen (viele haben den Liguster zu Hause als Hecke, alle Harry Potter-Fans wissen, dass er im Ligusterweg 4 wohnt 😉 ) [im Dezember 2016 ging es hier um die Entdeckung dieses Teams von Wissenschaftlern, dass Caspaicin das Wachstum von Bruskrebszellen dämpft]. Die aktuelle Pressemeldung der Ruhr-Universität Bochum:

RIECHREZEPTOREN
Neue Angriffsziele in Darmkrebszellen entdeckt

Diese Ergebnisse aus der Riechforschung könnten zu einem weiteren Therapieansatz verhelfen.
Das Wachstum von Darmkrebszellen lässt sich mit dem Duftstoff Troenan bremsen. Das berichten Forscher um Prof. Dr. Dr. Dr. habil. Hanns Hatt und Dr. Lea Weber von der Ruhr-Universität Bochum in der Zeitschrift „PLOS One“. Die Wissenschaftler entdeckten in Tumorzellen aus dem Enddarm den Riechrezeptor OR51B4. Sie analysierten, welcher Duftstoff den Rezeptor aktiviert und wie sich die Aktivierung auf die Zellen auswirkt.

Das Team vom Bochumer Lehrstuhl für Zellphysiologie kooperierte für die Studie mit der Abteilung für Molekulare Gastroenterologische Onkologie der Ruhr-Universität, die Prof. Dr. Stephan Hahn leitet. Die erforderlichen Gensequenzierungen führte das Team vom Cologne Center for Genomics durch.

Ligusterblüte_xs

Die Blüte von Ligustrum vulgare

Blütenduft aktiviert Rezeptor
Riechrezeptoren wurden bereits in verschiedenen gesunden Geweben und Krebsgeweben nachgewiesen. Nun fanden die Bochumer Forscher den Rezeptor OR51B4 in großen Mengen in Darmkrebszellen. Sie identifizierten das Molekül Troenan als Aktivator für OR51B4. Es duftet nach Liguster, einer Strauchpflanze, die häufig als Hecke genutzt wird.

Im nächsten Schritt behandelten die Wissenschaftler Krebszellen der Zelllinie HCT116 und Tumorgewebeproben von Patienten mit Troenan. Das Ergebnis: Die Zellen wuchsen nicht mehr so schnell und bewegten sich langsamer als zuvor – ein Hindernis für die Bildung von Metastasen. Außerdem starben durch die Troenan-Behandlung vermehrt Krebszellen ab. In weiterführenden Experimenten mit Mäusen, die den menschlichen Tumor ausbildeten, konnten die Duftwirkungen inzwischen bestätigt werden.

Potenzieller Ansatz für Therapie
Darmkrebs ist in Deutschland die zweithäufigste Krebserkrankung, an der mehr als sechs Prozent aller Deutschen im Laufe ihres Lebens leiden. Bei dem in der vorliegenden Studie verwendeten Material handelte es sich um kolorektale Tumoren, die 95 Prozent der bösartigen Darmtumoren ausmachen und die häufigste Ursache für Todesfälle durch Darmkrebs sind. Die Heilungschancen, wenn Ärzte einen solchen Tumor chirurgisch entfernen, liegen bei 50 Prozent. Sie hängen entscheidend vom Krankheitsstadium ab, in dem der Darmkrebs entdeckt wird. Eine gezielte pharmakologische Behandlung gibt es bisher nicht, nur die allgemeine Chemotherapie.

„Wir gehen davon aus, dass unsere Ergebnisse einen neuen Ansatz für die Darmkrebstherapie ermöglichen könnten“, sagt Hanns Hatt. Die Tumoren seien häufig vom inneren Hohlraum des Darms zu erreichen. „Daher ist denkbar, dass eine orale oder rektale Aufnahme den Duftstoff Troenan in den wirksamen Konzentrationen direkt an den Tumor bringen würde. Hierzu sind allerdings noch klinische Studien mit Patienten notwendig“, so Hatt weiter.

Die Originalveröffentlichung vom 8. März 2017 in PLOS One: Lea Weber, Klaudia Al-Refae, Juliane Ebbert, Peter Jägers, Janine Altmüller, Christian Becker, Stephan Hahn, Günter Gisselmann, Hanns Hatt: Activation of odorant receptor in colorectal cancer cells leads to inhibition of cell proliferation and apoptosis (hier kann sie gelesen und runtergeladen werden). Abbildung Prof. Hatt: Ruhr-Universität, Abbildung Liguster: Andrew Butko

wie die nase minimale riechreize verstärken kann


Im Institut für molekulare Physiologie der Uni Heidelberg werden Signalwege zwischen den Nervenzellen von Säugetieren untersucht. Vor noch nicht langer Zeit stellte sich das Team um Prof. Dr. Stephan Frings die Frage, wie die Nase oder vielmehr die Riechrezeptoren mit sehr schwachen Riechreizen umgehen. Werden diese wirklich registriert? Verhaltensstudien zeigen, dass Menschen durchaus auf Gerüche reagieren (können), die sie unterhalb der Riechschwelle umwehen. Moderne Marketingmaßnahmen, also die Verkaufsförderung mit Hilfe von Verkaufsraum-Beduftung bestätigen diese Erkenntnis.

Die Zilien (Riechsinneshäarchen) in unserer Riechschleimhaut sammeln für diesen Zweck während ihrer Ruhephasen mit Hilfe von spezialisierten Einweiß-Komplexen Chloridionen und entlassen diese schlagartig beim Auftreten eines Riechreizes. Die Chlorströme, welche nun durch Kanäle aus wiederum spezialisierten Eiweißbausteinen wandern, verstärken die Wahrnehmungsfähigkeit der Riech“antennen“ und lösen durch eine Umkehr der elektrischen Ladung einen (elektrischen) Strom aus. So dass auch ganz schwache Düfte wahrgenommen werden können.

Somit haben die Mehrheit der Anwender von ätherischen Ölen eine wissenschaftliche Erklärung, dass ihre starken Verdünnungen von 2 Prozent und oft deutlich darunter, tatsächlich eine physiologische Wirkung haben. Und dass die Anwendung von unverdünnten Ölen nicht nur eine (teure) Ressourcenverschwendung ist und unnötige Gefahren von Hautreizungen birgt, sondern schlicht nicht nötig ist.

Das offizielle englischsprachige Abstract der Studie ist hier nachzulesen, eine gute deutschsprachige Zusammenfassung gibt es bei Netdoktor, ein kostenloser Fachartikel der (früheren) Erkenntnisse des Teams von Prof. Frings kann hier runtergeladen werden. Vielen Dank an Ursula von Natur & Geist für den Tipp zu diesen Infos!